So leicht zu zerreißen – das Leben

Die Stille. Die Stille tut gut. Im ganzen Haus. Nur die Wanduhr tickt. Und der Laptop schnurrt. Die Kerzenflamme flackert, das Fenster steht auf kipp, ich spüre die frische Winterluft. Deine Klarheit dringt in mein Zimmer. Das Weinglas neben mir wartet auf den ersten Schluck. Die Gedanken an dich brechen nicht ab. Sie hüllen mich ein. Ich weiß nicht, wo dieser Text mich hinführt. Auf jeden Fall zu dir. Hallo, da bin ich. Du, meine Schöne. Ein Liebesgedicht entspringt. Für dich verfasst. Und für dich. Für dich, oh meine schöne Welt. Dich liebe ich. Ich streichele über die Tasten. Über euch. Sie gehorchen mir. Ich drücke dich. Ich drücke dich hinunter. Du d Du u. Du. Oder das Ich. Mein Ich. Ist es meins? Oder ist es seins? Wem gehöre ich? Nur mir selbst? Bin ich mein Eigentum? Kann ich mit mir anstellen, was ich will? Warum sollte ich mir Schmerz zufügen? Ich mir selbst? Warum sollte ich mir eine Krankheit zuführen? Ich mir selbst? Regierst du über mich? Über meine Seele? Über meinen Leib? Hab ich mich selbst erschaffen? Waren es meine Eltern alleine? Woraus ist meine Seele entstanden? Gab es sie schon immer? Warum schlägt mein Herz nun schon über fünfzig Jahre lang? Immer im Rhythmus. Warum spreche ich ausgerechnet die Worte, die ich spreche? Bin ich mein eigenes Medium? Warum schreibe ich ausgerechnet jetzt dieses hier? Für wen? Du könntest ein Fremder sein. Oder eine Fremde. Du weißt so vieles über mich, und ich wahrscheinlich gar nichts über dich. Ich öffne mich. Dir. Und was habe ich davon? Ich fülle dich. Erfüllen wäre zu viel des Guten. Ich bin kein Gott. Zum Glück. Ich war mal einer. Für ein paar Augenblicke. Größer als das Weltall. Ein widerwertiges Gefühl, sich größer zu fühlen als das ganze Universum. Auf der Erde zu stehen, als sei sie so klein wie ein Fußball. Und ich, der Mittelpunkt. Größenwahn. Ab in die Klapse. Mehrfach. Bliebe ich stehen, bliebe die Erde stehen. So die Gedanken. Gelaufen, bis zum Zusammenbruch. Und Tränen geweint vor Erschütterung. Geschrien vor Schmerz. Vor dem seelischen. Als Gott versagt. Guck dir die Erde an. Kaputt. Zerstört in all ihrer Schönheit und Pracht. Bis zur letzten Konsequenz. Was sollen wir unseren Kindern sagen, wenn sie fragen. Um Ausreden nicht verlegen. Wir wussten es ja nicht besser? Ich lach mich schlapp. Aber nein, da gibt es nichts zu lachen. Gar nichts. Die Uhr schlägt zehn. Morgen ist die Nacht wieder vorbei. Regen und Schnee. Corona ist noch da. Wie lange noch? Der Lockdown. Tote Meilen in toten Straßen. Geschäfte lösen sich auf wie das Eis in der Pfütze. Vor ein paar Monaten noch voller Hoffnung. Voller Vorfreude auf das Geschäft deines Lebens. Die Euphorie hat dich getragen. Und nun? Das Virus verzerrt. Es stoppt nicht. Im Gegenteil – es mutiert.

23 Uhr

Und dann schreibe ich doch noch ein wenig. Ich, als Getriebener. Ich, als Taube. Ich, als bekennender Dichter. Ja, Dichter, den ich so nenne. Nicht vor dir. Nicht, wenn ich dich anspreche. Nur als Schreiberling. Hier, an dieser Stelle. Schämen würde ich mich, mich vor dir Dichter zu nennen. Oder gar Schriftsteller. Im höchsten Falle, Autor. Der die leisen Klänge zu verstehen vermag. Die Leidenschaft des Schreibens verinnerlicht. Zu fühlen wie ein Großer. Wie fühlt er sich, ein Großer? Wie ein Kleiner. Ziemlich tot ganz lebendig. Alles vergeht einmal. Ich höre hinein in dich, oh, du. Dein Spiel ist mein Wort. Dein Satz ist mein Satz. Ich könnte mit dir gar nichts Entsetzliches aufsetzen. Dafür bist du zu schön. O Liebe. Was für eine fröhliche Melodie. So freundlich. So hell. Mitten in der düsteren Winternacht. Du schenkst mir Zuversicht. Du schenkst mir Augenblicke voller Güte und Glück. Wie gern würde ich dies weitertragen. An dich. Und an dich. Ich fühle mich verliebt in dich. Du durchströmst meinen ganzen Körper, o du herrliche Melodie. Wozu eine Kirche? Wozu das Kreuz? Längst wurde es getragen. Von dir. Für uns. Nimm die Leichtigkeit hin. Sie ist dir geschenkt. In deiner Kammer sei frei. In deiner Zelle, sei frei. In deinem Haus. Im Wald. Am Bach. Verschenk deine schönsten Gedanken an einen Freund. Ruf ihn an. Sag ihm, hey, die gute Laune sei mit dir. Und mit dir. Nimm dir Zeit für jedes deiner Worte. Sprich nicht gleich die Wahrheit aus. Welche Wahrheit überhaupt. Es ist vielleicht nur deine. Nimm dich zurück. Sprich lieber ein Lächeln. Es kostet zumeist nichts. Ein ganz zartes. Es reicht. Es kostet nicht einmal ein Wort. Wink einem traurigen Menschen zu. Er dankt es dir. Worte sind manchmal nicht vonnöten. Ein Herz spürt ein Herz. O, Poet. O, armer Poet. O, armer Teufel. Wie musst du leiden. Wie musst du leiden, bei der Musik von Chopin. Er spielt dich an die Wand. Da ist nur Licht. Nur Helligkeit. Nur Sonne. Und Wärme. Du hast für mich komponiert. Du hast für mich geschrieben. Damit ich entstehe. Damit ich wachse. Über mich hinaus. Ha! Ha! Mach dich nicht lächerlich, o, kleiner Dichter. Was glaubst du, der du bist. Was glaubst du, wer du bist. Willst dich mit auf seine Welle setzen. Dich mit ihm gleich setzen. Ha! Ha! Am seidenen Faden. Ganz dünn. Leicht zu zerreißen – das Leben. Jedes Leben. Täglich. Sekündlich. Die Liebe.

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