Grilltaube

Zwei gut genährte Ringeltauben im Garten. Bestimmt geben sie ein hervorragendes Mahl ab. Taube habe ich noch nie verspeist. Wachteln schon. Hatte Hemingway in Paris kein Geld, wie so oft, ist er mit ein paar Krümeln Brot auf den Markplatz gegangen und hat Tauben angelockt. Kam ihm eine zu nahe, hat er sie geschnappt, ihr den Hals umgedreht und in der Innentasche verschwinden lassen. Ich muss zugeben, auch diese Tauben hier, sehen sehr appetitlich aus. Ganz gesund scheinen sie zu sein. Rund und kräftig. Behäbige Viecher. Von nebenan höre ich das Elektrofeuerzeug klacken – genauso wie im letzten Jahr. Der Wind ist stärker geworden, man hört hier oben das Meeresrauschen. Bestimmt werde ich in der nächsten Stunde in die herrlichen Wellen stürmen. Der Strand ist schmal. Zu schmal, um meinen Lenkdrachen steigen zu lassen. Und wieder weigert sich etwas in mir, am Roman weiterzuarbeiten. Was es auch sein mag – es verdirbt mir nicht diesen Augenblick. Die beiden Tauben sind aufmerksam. Sie picken irgendwas Essbares auf. Meeresrauschen, Vogelgezwitscher aus den Bäumen, der Wind, der die Blätter und Sträucher rascheln lässt. Ein Schluck Wasser am Nachmittag. Wollen die Tauben denn gar nicht mehr wegfliegen? Sie sind nicht sehr scheu. Nicht so scheu, wie die Möwen. Nicht so scheu, wie die Mauersegler. Komm, rauch noch eine Zigarette. Dreh dir eine. Trink noch einen Schluck Wasser. Spür deine Finger, spür, wie sie die Tasten niederdrücken. Du atmest. Du denkst. Du lebst. Im Augenblick bist du mit allem um dich herum verbunden, bist mit allem um dich herum, eins. Die Taube putzt ihr graues Gefieder. Frisst die Läuse, die Flöhe, die Milben. Dreht ihr Köpfchen um 180 Grad. Die andere Taube benutzt ihre Krallen, um sich zu säubern oder zu kratzen. Die erste Taube wiederum hebt ihren Flügel, um sich darunter mit dem orangefarbenen Schnabel zu reinigen. Die Füße sind in einem matten Rosa. Einen Ring kann ich von hier aus nicht erkennen. Zwei Spatzen hopsen über das Gras. Die Tauben zeigen kein Interesse. Aufmerksam beäugen sie mich. Stets zum Abflug bereit. Sie putzen und putzen sich. Picken und picken. Verrenken ihre gelenkigen Hälse. Tja, und die Spatzen sind wieder weg. Dafür flattert ein gelber Schmetterling, ein Zitronenfalter, durch die Lüfte. Ich reibe mir die Hände, tippe und tippe. Bin erfüllt vom Leben. Bin erfüllt von mir. Bin erfüllt von Gott – was immer das auch heißen mag. Eine Libelle – ach, wie schön! Diesmal ist es ein weißer Schmetterling, der durch die Lüfte tanzt. Eine Biene. Ein Star. Der starke Wind im Rücken, bei 17 Grad. Die Sträucher werfen ihre Schatten auf den Rasen. Der runde Bauch der einen Taube wird von der Sonne angestrahlt – beinahe leuchtet er in einem zarzen Violett. Die Brust mundet bestimmt besonders gut. Brattaube. Gesund sehen sie aus. Gesund und lecker. Grilltaube. In Polen eine Delikatesse. Weiß der weiße Schmetterling, was er will? Oh, ein Pfauenauge stößt hinzu. Die beiden Tauben sind geduldig, von mir aus können sie mich jeden Tag besuchen kommen. Sie trauen mir nicht. Sind vorsichtig. Argwöhnisch. Zwei weiße Schmetterlinge – sie wissen, was sie wollen – wahrscheinlich sich paaren. Wie schnell sich die Tauben erhoben haben! Weg sind sie. Nun ist auch kein Schmetterling mehr zu sehen. Jetzt noch eine Zigarette, und dann ab zum Strand, ab ins Meer. Wenigstens für zehn Minuten. Wie wach ich mich in diesem Jahr hier fühle. Letztes Jahr musste ich schlafen, schlafen, schlafen. Fette weiße Wolken, wie Zuckerwatte, ziehen vorüber in Richtung Norden. Ich bin bereit für das Fußballspiel heute Abend. Wir haben das Treffen um eine Stunde, auf achtzehn Uhr, verschoben. Eine winzige Biene kreiste soeben über meinem goldenen Tabakbeutel. Mir ist im Magen ganz flau. Bevor ich zum Strand runtergehe, werde ich noch eine Kleinigkeit essen. Es wird Zeit Schluss zu machen für den Augenblick.

Freitag, 7.00 Uhr.

Gerade habe ich mich wieder einmal am Roman BLOCK versucht. Ich glaube, es bringt nichts. Seit Jahren mache ich mich verrückt, seit Jahren stocke ich. Ich will nicht sagen, dass es reine Zeitverschwenung gewesen ist, doch nie bin ich so richtig ins Fließen gekommen.

Freitag, 15 Uhr 30.

Ja, ich habe aufgegeben. Es bringt nichts. Ich habe mich entschlossen, BLOCK für eine ungewisse Zeit unbeachtet zu lassen. Stattdessen habe ich eine andere Idee. Doch bevor ich darüber berichten werde, werde ich voerst nur den Versuch starten. Sollte die Idee laufen, wird das gesamte Unterfangen einige Jahre in Anspruch nehmen. Selbstverständlich kann es auch geschehen, dass ich gar kein Buch mehr zu Ende bringe. Ich weiß nicht, wie viele Anfänge ich schon liegen habe.

Ich lehne mich zurück. Mir ist kalt. Ich bin durch die Wellen getaucht und gesprungen. Herrlich. Für heute Abend habe ich einen Tisch beim Italiener reserviert, um mir das Fußballspiel Spanien gegen Deutschland anzuschauen.

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