SLAM

Guten Abend, Gute Nacht, oder Guten Morgen!

Es ist Viertel nach zwölf, ich komme soeben vom Poetry Slam. Habe den sechsten oder siebten Platz gemacht – und stelle nun ernüchtert fest, dass es mir nicht ums Siegen geht. Nicht mehr. Vorher schon. Ich habe mitgemacht, um ins Finale zu kommen. Habe einen Text vorgelesen, der zum Lachen ist. Die Zuhörer taten dies auch. Aber darum geht es gar nicht beim Slam. Es handelt sich um eine „Dichter-Schlacht“, in der man auch ganz Ernstes vortragen darf. Trauriges auch. Sinn macht es, das Publikum zu berühren. Und bestimmt nicht den Clown zu mimen. Es ist nicht mein Auftrag Menschen zum Lachen zu bringen. Mein Auftrag sehe ich vielmehr darin, euch aufzuzeigen, dass ein Leben trotz einer schweren psychischen Krankheit lebenswert ist. Glaubt an euch. Findet euer Talent. Ich wette, in jedem von euch ist mindestens eines verborgen. Grabt danach. Hört in euch hinein. Findet es, und arbeitet damit. Regt euch nicht über Kleinigkeiten auf, dafür ist die Zeit viel zu kostbar. Traut euch zu sagen, worum es euch im Leben geht. Betretet den Weg, der euch näher an euer höchstes Ziel bringt. Räumt die Steine aus dem Weg, oder klettert hinüber. Geht ihr auch in eine Sackgasse, ihr könnt wieder umdrehen. Jederzeit. Biegt ihr links statt rechts ab, geht zurück. Wichtige Erfahrungen vergisst man nicht. Ihr kennt den Weg. Zumindest kennt ihr das Ziel. Euer Ziel. Es leuchtet in weiter Ferne. Schritt für Schritt geht ihr ihm entgegen. Es breitet bereits die Arme nach euch aus. Ist es wirklich so, dass am Ende der Weg das Ziel ist? Ich glaube das nicht. Jedenfalls nicht unbedingt. Das Ziel ist das Ziel. Der Weg ist der Weg. Das Ziel liegt am Ende des Weges. Hm. Oder? Erreichst du das Ziel, heißt es ja nicht, dass du gleich darauf tot bist. Hoffentlich nicht. Wahrscheinlich setzt du dir sogleich ein neues Ziel. Hoffentlich. Den Weg, den du gehst, gibt es nur ein einziges Mal. Du bist ganz allein auf dem Weg, auch wenn du zu zweit oder zu dritt gehst. Du bist allein in dir. Keiner sieht so, wie du siehst. Keiner geht deinen Schritt. Keiner sieht den Regenbogen aus der Perspektive, aus der du ihn gerade siehst. Du kannst also sagen, er leuchtet nur für dich, zeigt nur für dich seine Farbenpracht. Eindrücke kann man teilen – verbal. Nur verbal. So wie du fühlst, fühlt kein anderer. So wie du hörst, hört kein anderer. Deine Stimme ist so einmalig wie dein Fingerabdruck. Wir können zu Zehntausenden im Stadion stehen, jubeln, pfeifen, grölen, leiden, freuen … – du trägst deine ganz eigene Stimmung in dir. Und du schreist sie auch ganz allein heraus. Es spielt bei einem Slam keine Rolle, ob dir jemand 5 oder 10 Punkte zugesteht. Dein Text, der dir ein Bedürfnis ist, verändert sich nicht durch das Ergebnis. Oder doch? Ja, vielleicht betrachtest du ihn nach dem Slam in einer neuen Sichtweise. Du bist nicht mehr so dermaßen überzeugt von ihm – oder gar von dir. Nichts heute Abend mit Slam-König. Zack – und wieder auf dem Boden der Tatsachen gelandet. Mach trotzdem weiter. Trau dich. Am Ende wirst du umarmt.

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