Schreiben heißt für mich Leben

Für eine gewisse Zeit bist du Künstler. Du lebst deine Kunst – du lebst den Künstler. Du lässt ihn raushängen – für dein Publikum. Für dein Ego. Zuhause streifst du deine Kleidung ab, die Sonnenbrille, den Hut, die schwarzen Klamotten (oder die bunten), entfernst die Schminke, schlüpfst in deine Schlabberhose und bist du. Falls du du noch sein kannst. Falls du du noch sein magst, möchtest, willst. Den Schwung nach einem Auftritt, nach einem Konzert, nach einer Ausstellung nimmst du mit in deine Wohnung. Du lässt den Abend revue passieren, erinnerst dich an Komplimente, an Blicke, gar an Anerkennung. An die Kraft und Magie. Wenn der Auftrit gut gelaufen ist, lächelst du zufrieden in dich hinein, atmest durch. Du kannst nicht gleich schlafen, die Energie deines Publikums ist noch in deinem Körper präsent. Du bist du – oder eben der Künstler. Die Künstlerin. Und wenn du das eine von dem anderen nicht mehr trennen kannst, kann es kompliziert werden. In der Kunstwelt gefangen. Fühlst dich riesig, wie der größte Superstar aller Zeiten, zerkloppst dein Hotelzimmer, fickst Teenies, lässt dich auf einer Senfte durchs Hotel tragen, puderst deine Nase, gibst Schampus aus, lässt dich feiern nach Feierabend, wenn der Auftritt längst vorbei ist. Du fühlst dich unglaublich groß, bedeutend und wichtig. Du glaubst, du hast der Welt etwas unglaublich Wertvolles geggeben, jetzt hast du das Recht, alles zu tun, was du willst. Du bist ein König. Ein Herrscher. Du hast Macht. Ja, du wirst angebetet. Von Verantwortung keine Spur. Schreibt dir ein Verwirrter, ignorierst du ihn besser. Du denkst, rafft dieser kranke Typ, dieser Fan denn nicht, dass ich ein ganz normaler Mensch bin. Du hasst solche Jungen und Mädchen, Frauen und Männer. Verziehst deine Fresse zu einer Grimasse, trinkst was, rauchst was, ziehst was. Willst solche Nervensägen vergessen, sagst, ich schreibe oder male doch nur meine Gedanken auf, mehr ist es doch nicht. Das ist doch nur die Kunst, die ich nach außen transportiere. Singst aber, oder schreibst, du schwörst dies und das. Ist es nur ein Lied? Ein Gedicht? Ein Buch?

Für mich sind Gedichte die nahste Form zur Göttlichkeit. Deine Leser fühlen dein Herz, deine Seele, deine Sehnsucht, deine Liebe.

Wie viele Briefe, die von Herzen kommen, kann ein berühmter Künstler beantworten? Wie viele Briefe oder Mails oder Pakete bekommt ein Künstler im Durschnitt überhaupt? Gibt es ein Maß? Nein. Denn es kommt darauf an, was und wen der Küsntler anspricht.

Schreibe ich, bin ich Künstler. Schriftsteller. Völlig egal, ob es ein Liebesbrief, ein Gedicht, ein Roman oder ein Songtext ist. Ich fühle mich anders. Ein Brief ist am direktesten. Du spricht explizit jemanden an, dem du deine Gedanken oder Gefühle mitteilen möchest. Das Wahrste ist das Gedicht. Ein Gedicht ist etwas Spirituelles, kommt mit einer heftigen Kraft, du musst es nur noch durch deinen Körper aufs Papier prasseln lassen. Songtexte sind oft einfach Songtexte, müssen nicht unbedingt einen tiefen Sinn transportieren. Romane spiegelen nur teilweise deine Seele wider. Drehbücher bzw. Spielfilme noch seltener.

Künstler sind Zauberer. Die Gitarre, das Klavier, das Saxophon, die Klarinette, die Geige usw. Der Gesang. Die Stimme. Der Text. Künstler strahlen, wenn sie ihre Kunst beherrschen. Gerade auf der Bühe. Sie werden ernst genommen, auch der Sartiriker, auch der Komiker, wenn auch nicht unbedingt das, was er sagt und spielt. Aber er als Mensch. Du bist aufgeregt, wenn du die Gelegenheit hast, ein paar Worte mit einem Promi zu wechseln. Um ein Autogramm bittest. Künstler werden häufig beneidet. Von erfolglosen Künstlern. Von Kumpels. Und auch von Freunden. Reiche Künstler werden von einer Masse von Menschen gehasst. Missgünstig beäugt. Ein Mensch, der sich fünfzig Jahre hardcoremäßig für einen Chef den Rücken bis zum Buckel krumm macht und dann eine Rente von tausend Euro bekommt, ist fertig auf der Bereifung. Das soll nicht heißen, dass er unglücklicher sein muss. Aber häufig hatten diese Menschen auch irgendwann ein Hobby, wie z.B. Musik oder Sport, wo sie hätten dranbleiben können. Fast alle Menschen, die die Möglichkeit haben, gerade hier in Deutschland, etwas Schönes für sich zu tun, etwas zu finden, was ihnen liegt und wo sie Freude dran haben, sind selbst schuld, wenn sie es dann wieder aufgeben. Ist es nicht zu herrlich, wenn ein paar Musiker auf einer kleinen Bühne stehen und Leute beschwingen? Guckt euch jene Gesichter an. Sie strahlen. Wenn sie was von ihrer Kunst verstehen, sie beherrschen, strahlen sie. Egal, ob da zehn oder tausend Menschen sind, die zuhören. Show ist Show. Und das Publikum strahlt mit. Das ist das Ziel.

Ich liebe es zu schreiben. Ich liebe es, zu schreiben. Diese Blogbeiträge. Gedichte. Songtexte. Briefe. Sehr gerne Briefe. An Romanen arbeite ich. Das ist richtig Maloche. In der Zeit, in der ich an einem Buch sitze, bleibt alles andere auf der Strecke. Ich bin in der Geschichte mitten drin. Nach zwei Stunden vollster Konzentration bin ich ziemlich kaputt – das war früher anders. Bin dann aber auch zufrieden. Beglückt. Gerade wenn ich weiß, dass mir ein paar gute Sätze gelungen sind.

Schreiben heißt für mich Leben. Schreiben heißt für mich leben.

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