Null und nichtig

Freitagnacht geschrieben – Sonntagmorgen gegengelesen

Wie schnell kann sich das Leben ändern. Keiner ist vor einem Unglück gefeit – jedem kann jede Sekunde etwas zustoßen. Im Verkehr reißt einer das Lenkrad wegen eines Vogels rum und knallt in deinen Wagen; du stolperst und fällst auf den Kopf; stürzt mit dem Fahrrad; bekommst die Diagnose Krebs oder sonst was Lebensbedrohliches. Alles ist mit einem Schlag anders. Ein geliebter Mensch erleidet einen Schlaganfall und ist gelähmt oder stirbt. Ein Amokläufer löscht das Leben deines Kindes aus. Dein Haus brennt ab. Zufall? Man mag es kaum glauben. Schicksal? Einfach Pech? Man fragt sich: Warum gerade ich? Oder: Warum gerade er oder sie? Das Leben ist ungerecht.

Menschen müssen aus ihrem Land flüchten, Kinder sind plötzlich auf sich allein gestellt, weil die Eltern getötet wurden. Worauf ich hinaus will, ist, dass es so viele Dinge im Leben gibt, die EIGENTLICH kaum von Bedeutung sind. Die uns aber dennoch aufregen, worüber wir streiten, sogar krank von werden. Oft Kleinigkeiten.

Mich hat damals, 1990, der erste Klinikaufenthalt aus dem Leben gerissen. Ich hatte mit der Psychose und den Depressionen danach über ein Jahr lang zu kämpfen. Ich musste vieles wieder neu lernen. Einkaufen, Unterhalten, Lachen, den Körper stabilisieren, mir selbst vertrauen, Gefühle entwickeln und natürlich für mich sorgen. Es gelang alles mit der Zeit. Aber was ich vor allem durch meine Niederschläge gelernt habe, ist, mich über Kleinigkeiten zu freuen. Über einen schönen Geruch zum Beispiel, von frisch gemähtem Gras oder einer geschälten Mandarine. Ich freue mich über einen leichten Wind im Sommer, über die ersten Krokusse und Osterglocken, dann die Tulpen, die warmen Tage. Ich freue mich auch im Winter über den kalten Schnee und dazu den Sonnenschein. Ich freue mich über ein neues T-Shirt, eine Hose, also auf jeden Fall auch über materielle Dinge. Ich freue mich über ein Lächeln, das mir jemand zuwirft. Über einen interessanten Kommentar hier im Blog. Über einen Gruß. Über so viele Kleinigkeiten, dass sie gar nicht aufzuzählen sind. Besonders freue ich mich, wenn ich kreativ war. Usw usw. Es gibt Hunderte Beispiele.

Befindet man sich plötzlich in einer schwereren Krankheit, wird einem hoffentlich bewusst, wie wertvoll das Leben ist, dass es an einem seidenen Faden hängt, dass wir Mikroben sind, die das Glück haben, für einige Zeit hier sein zu dürfen. Auf einmal ist das Auto, das Haus, die Geliebte, der Beruf null und nichtig. Nichts davon zählt noch. Es geht nur ums Überleben. Darum, gesund zu werden, jedenfalls einigermaßen. Dankbar können die Menschen sein, die Hilfe bekommen. Doch wie viele Menschen sind allein. Millionen haben keine Familie, die zu ihnen steht.   Wir sollten die Augen aufmachen, uns klar darüber werden, dass dieses Leben das einzige ist. Klar, ich kann reden und reden und schreiben und schreiben – und was mache ich? Nichts! Was bedeutet es schon, hier die Fresse aufzureißen und selbst nicht zu helfen! Was bringt es denn, anderen Ratschläge zu erteilen und sich wahrscheinlich noch gut dabei zu fühlen. Schön von sich ablenken. Immer große Schnauze. Tss.

Sowieso sind immer die anderen schuld. Ich nie! Die Politiker! Die Herrscher! Die Mächtigen! Nie wir, ist ja klar. Man kann sich so sehr über andere aufregen, dass man beginnt zu hassen. Die anderen, dann vielleicht sogar sich selbst. Und dann kann man ja mal einen Krieg beginnen. Warum nicht. Man hat sich ja die Macht verdient. Und die muss man auch ausleben, ist ja klar. Einen Krieg kann man natürlich auch anzetteln, wenn man sich abgöttisch liebt, wenn man Narzist ist. Machtgeile Menschen sind fast immer Narzisten. Müssen sie sein. Sie finden sich, ihre Position und ihre Ideen unantastbar und wenn man diese Menschen kritisiert, nicht einmal sie persönlich, nur ihre Ideen, ihre Pläne, wird man eingesperrt, gefoltert oder im schlechtesten Fall zum Tode verurteilt. Gleich nebenan.

Wir Künstler sind dazu aufgefordert, uns zu verbünden, zu vereinigen, gemeinsam Konzerte zu geben, Leseveranstaltungen zu organisieren, wachzurütteln, uns selbst als erstes. Wir sollten nicht auf unserem Geld hocken und denken, gut dass ich es habe. Geld muss unter die Leute, nicht auf die Bank. Was willst du mit mehr, als du ausgeben kannst? Vielleicht möchtest du deinen Kindern und Enkelkindern noch etwas vererben. Und was machst du mit dem Rest? Gib es aus, so lange du noch wirklich lebst. Ehrlich. Wann hast du zum letzten Mal ein Straßenmagzin gekauft? Weißt du es noch? Wann dem letzten Bettler etwas gegeben? Nee, da muss man sich drüber aufregen, über die Penner und Schnorrer, ist ja klar. Der versäuft das Geld doch sowieso! MEIN Geld? Nie im Leben! Da verbrenne ich es lieber. Fick dich, du armer Wicht! Zufall, dass du hier geboren bist oder nicht? Hä? Zufall, dass du nicht In Syrien, Lybien, im Sudan, im Irak, in Afghanistan … lebst? Nee, du bist ja was Besseres. Was Besonderes. Du bist ja Künstler. Du bist ja Manager. Du bist ja Millionär. Du hast es dir verdient. Jedem das, was er verdient. Und wir Deutschen haben es verdient, dass wir nicht verhungern und verdursten. Wir sind nun mal göttlich, und da wir göttlich sind, gibt es hier auch Trinkwasser. Afrikaner haben es nicht verdient zu trinken. Sie müssen veredrecken, verdursten, verhungern. Auch Kinder. Diese unkultivierten, primitiven Völker, die nur rumficken. Komm, schenk nach, mein Glas ist leer. Danke, schmeckt gut. Prost. Ja, wünsche ich dir auch. Nee, ehrlich. Klar hab ich das bar bezahlt. Alles! HA-HA-HA … Finde ich auch. Hol noch einen aus dem Kühlschrank. Nee, aus dem anderen. Nee, den da hinten. Und Eis. Champagner ohne Eis ist nichts wert. Ja, ich bin Kenner. Ja, schon immer. Ich? Ich fliege wie immer in den Süden. Klar, drei Wochen, muss mal raus, ab ans Meer, tauchen und so, einfach mal raus, entspannen, mal nicht das Büro sehen. HA-HA-HA … Komm Alter, schenk nach. Jo, danke. Man, wie der schäumt. Komm, wir rufen uns noch zwei, drei Nutten. Ach, die kriegt das nicht mit. Blödsinn. Die sind wie unsichtbar. Die sind gar nicht hiergewesen. Quatsch. Immer. Meine Latte steht immer. Na gut, wie du willst. War ja nur ein Angebot, nur ein Angebot. Die sind aber wirklich gut. Nein? Okay, kann ich verstehen. Du liebst sie. Bist du sicher? Dann fahr jetzt zu ihr. Ich ruf dir ein Taxi. Jau, machs gut. Und gib nicht so viel Trinkgeld! HA-HA-HA …

Ich könnte stundenlang fortfahren. Kriegt das nicht in den falschen Hals. Schnürt euren Hass zu einem Packen zusammen und schmeißt ihn über Bord. Wisst ihr, es gibt so viele lächerliche Menschen, die, das ist das Schlimme, nicht lächerlich sind, sondern brutal.

Ich hätte Lust, jetzt feiern zu gehen. Es ist zwölf. Im Radio läuft Jazz und so was. Davon versteh ich nichts. Ist aber schön. Vielleicht sollte ich öfter mehr trinken und Jazz hören. Ist ja Wochenende. Merlot, heute französisch, 2,49. War im Angebot. Ach, ich würde gern Wein ab 40 Euro kosten, die Winzer müssen ja schließlich auch leben und wissen, dass sie fantastische Weine erzeugen. Ist aber ein anderes Thema. Guter Whisky hat auch seinen Preis, eine gute Zigarre natürlich ebenso. Wenn ich Millionär bin, werde ich nicht auf Luxus verzichten, um gut dazustehen. Ich lebe die Millionen voll aus. Alles wird verjubelt. Alles kommt unter die Leute. Projektmäßig. Wir werden es erleben. Ich bin gespannt. Gute Nacht   !

Nichts von dem, was hier steht, ist null und nichtig … nur am Thema vorbei manchmal. Das Leben ist sooooo wertvoll. Schätz es   !

 

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