Mein Vater – und die Band „WAHN“

 

Freitagabend, 23 Uhr.

Bin in meinem Arbeitszimmer. Die Wanduhr tickt, schlägt jetzt 11 mal, die Kerze flimmert, gemütliches Licht, 7,5 qm. Ein gerahmtes Foto von meinem Vater auf der Fensterbank – er hat mich auf dem Arm, trägt mich den Feldweg entlang. Ich hab ne Feder in der Hand. Es ist windig, unser Haar verweht. Vielleicht ist gerade Spätsommer, ja, nach den Feldern zu urteilen, schon. Ich bin zwei. — Mein Vater war krank. Spielsüchtig, zu viel Alkohol, 60 Zigaretten und mehr. Kurz vor seinem Tod sollen seine Augen ganz gelb gewesen sein, hab ich gehört. Manche sagen, er hatte Aids. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war er bis zu meinem 10. Lebensjahr der beste Vater, den man sich wünschen kann. Geschrien hat er nie. Mir gegenüber war er nicht ein einziges Mal aggressiv. Kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wirklich nicht. Ruhiger Typ, soll aber ganze Partys unterhalten haben. Dachte immer, er kann singen, sang Arien, wenn er voll war. Ist ständig mit Kippe und Kopfhörern über den Ohren, Klassik lief, eingepennt. Natürlich schön besoffen. Er hat in der Wohnung überall gequarzt, auch im Bad. Nee, im Schlafzimmer und in den Kinderzimmern nicht, Windsor de Lux. Goldene Schachtel, lange Zigaretten mit Goldstreifen, weiß gar nicht, ob es die heut noch gibt. Bin ja in Devese großgeworden, wo es Ludwig, einen Tante Emma-Laden, gab. Da bin ich immer hin und hab ihm seine goldenen Schachteln geholt. Manchmal auf Pump, glaube ich. Es gab auch einen Kiosk „Unter der Hand“, der war in einem Privathaus. Da hab ich immer Bier gekauft, heimlich, meine Mutter sollte davon nichts mitkriegen, ich durfte mir jedes Mal ein Malzbier mitbringen. Er hat im „Keller“ getrunken, wo er Schrauben und Werkzeuge sortierte. Er war echt ziemlich cool. Hat mir n Hochstand gebaut, Drachen gebaut, Schiffe aus Styropor, die wir auf der Landwehr fahren ließen, an einer Drachenschnur. ne Radtour nach Hameln mit Übernachtung. Er sah gut aus. Schlank, Größe 1,87. Schwarzes Haar, brauner Teint. Wie er nun gestorben ist – ich weiß es nicht. Als ich 16 war, hat er den Kontakt abgebrochen, oder ich, je nachdem, wie man es sehen will. Ich war auf jeden Fall total enttäuscht. Hab nicht weitergekämpft um unsere Beziehung. Er auch nicht. Als ich dann mit 20 in der Psychiatrie war, hat meine Mutter bei ihm angerufen. Er hat sie fertig gemacht, was sie sich einbilde, ihn zu kontaktieren, er wolle mit der ganzen Sippe nichts mehr zu tun haben. Na ja, vielleicht war er ja wirklich schon sehr krank damals. Das war 1990, 92 ist er dann gestorben. Ich wollte zur Beerdigung, aber meine Stiefmutter hatte es untersagt. Sie hat dem Bestattungsunternehmer den Auftrag gegeben, mir zu sagen, die Trauerfeier fände nur im engsten Familienkreis statt, ich sei nicht erwünscht. Aha. Jetzt gibt es noch eine Frau, eine alte Freundin von ihm, die bis zum Schluss Kontakt zu ihm gehabt haben soll. Der, so habe ich mir vorgenommen, möchte ich schreiben, um mehr zu erfahren. Muss mich wahrscheinlich beeilen, sonst ist sie auch noch tot. Ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Jetzt hat die Uhr 12 mal geläutet – ich komm gerad von ner Zigarren- und Whiskykur wieder hoch – und dachte mir, kritzelste noch mal n paar Zeilen nieder. — Mache wieder Mucke, mit Andreas, alter Bandkollege. Wir hatten ne Deutschrock-Band in den 90ern. WAHN. Und ich suche einen weiteren Gitarristen, der mit mir meine Songtexte vertont. Für Auftritte. Andreas und ich, WAHN, spielen drei Songs am 16.3. im Havana. Lauft nicht gleich weg, wenn ich zum Mikro greif. Oder doch. Macht, was ihr wollt. Arien, so wie mein Vater, bringe ich jedenfalls nicht. Andreas spielt auf seiner 12-Saitigen. Wir bringen „Mescal“ „Immer wieder“ und „Unauffällig“. Haben wir richtig Bock drauf, egal, wie krumm und schief mein Gesang auch sein mag, es wird fetzen. Es ist ehrliche, was wir da machen. Handarbeit. Alte Songs, über 20 Jahre ist das jetzt her. War ne Spontaneingebung, Andreas anzurufen und mal nachzufragen, wie es aussieht mit dem Auftritt. Er war sofort dabei. Viele Songs sind Schutt und Asche, die Texte hab ich noch, aber die Melodien sind weg. Vielleicht hat Johnny noch auf Band was, der Drummer. Er ist inzwischen Oberarzt in irgendeiner Klinik, hab ihn seit über 15 Jahren ca. nicht gesehen, auch nicht gesprochen. Er war immer eher so der Jazzer. Andreas der Rocker. Und Cay, unser Bassist, ein ganz ruhiger Vertreter. Hat sich angepasst. — Ich kann den Krach von früher aber nicht mehr ertragen. Brauch es heut ruhiger, entspannter, ein, zwei Gitarren reichen. Hab damals das ganze Projekt viel zu ernst genommen.

Und jetzt viel Spaß beim Video glotzen:

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