Medi-Umstellung

Nervös. Die Zündschnur gekürzt. Keine innere Ruhe. Zerfahren und durcheinander. Zu viel auf einmal. Keine Ordnung. Chaos. Strukturlos.

So geht es mir gerade. Oder doch etwas besser. Schwer zu beschreiben. Die Stimmung nicht schlecht. Keine Depression. Aber das Ruhen in mir fehlt. Die totale Konzentration und Hingabe auf eine bestimmte Sache. Natürlich – auf das Buch. Aber alles ist neu. Der Raum noch ganz fremd. Geräusche, Gerüche, Gefühle. Ankommen. Einlassen. Eintauchen. Na ja, fünf Seiten sind geschafft. Jedes Wort sitzt tief wie ein Nagel im Balken. Ich bin am Anfang, ich weiß. Ruhe bewahren. In jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – von Hesse – kennt jeder, den Spruch. Zauber? Ja, schon. Es ist aber nicht nur das Neue, das mich so fahrig macht. Es ist immer noch die Medi-Umstellung, mein Körper richtet sich nach 15 Jahren „Dauerbremse“ neu ein. Meine Seele erst recht. Sie lodert auf. Ich bin energiegeladen, muss machen. Menschen in meinem Umfeld fangen an sich Sorgen zu machen. Ein Warnschuss für mich. Danke dafür. Ein Hinweis. Ich werde ihn ernst nehmen. Nicht gleichgültig abtun. Ich kann mir keine Psychose leisten. Ich will mir keine leisten. Ich werde sie mir nicht leisten. Also nehme ich zusätzlich zu den neuen Medis noch ein niederpotentes Neuroleptikum zur Nacht, mit der Hoffnung, nicht um halb vier aufzustehen. Ich möchte nicht meine Frau sein. Immer achtsam, immer darauf bedacht, wie es mir geht. Die Achtsamkeit auf mich gerichtet, ständig, nimmt ihr ein Stück Freiheit. Und dabei schenkt sie mir noch so viel Freiheit dazu. Mich halten nur noch Zipfel – und diese sind so wichtig. Sie dürfen nicht reißen. Keine Affekthandlungen. Einfach gesagt, einfach hier aufgeschrieben. Aber ich mache es besser als noch vor einem Jahr. Bin mehr ich. Jaja. Wer bist du denn? Wer liest mich gerade?

Psychotische Gedanken sind es nicht, auch wenn du das denkst. Diese Einschätzung überlasst lieber mir. Macht euch darüber keine Sorgen. Es ist nicht einmal eine Manie. Nicht einmal eine Hypomanie. Es ist eher wie ein Tunnel, und ich hechte durch ihn hindurch, immer mit der Hoffnung, das nächste Ziel zu erreichen, um dann den anderen näher zu kommen. Ich rase. Schaue zu wenig nach rechts und links – ich weiß. Ich habe Hilfe. Ich nehme sie an. Macht euch nicht zu viele Gedanken über mich – kommt selber mit euerm Leben klar. Dazu hat schließlich jeder sein eigenes. Trotzdem danke.

Ein paar Minuten Zeit, es ist halb sechs am Morgen.

Ich habe gut geschlafen, sitze auf der Terrasse, es ist sehr warm, und merke, dass mir die Poesie abhanden gekommen ist in den letzten drei Tagen. Es liegt am Zusatzmedikament. Es stillt den Fluss, den Wind im Kopf, erst recht den Sturm. Ruhige See. Eine Quelle plätschert kraftlos dahin. Aber gut, besser so, als andersrum. Ein aktiver Vulkan, der Lava spuckt, verglüht sein Umfeld. Überdeckt es mit dicken Schichten, nimmt ihm den Atem, es erstickt. Metaphern. Mag ich, wenn nicht ein ganzer Roman daraus besteht. — Es ist warm. Ich bin Matsch. Meinem Körper fehlt Bewegung. Der Blutdruck zu hoch. Nehm mir für ihn keine Zeit. Meine Psyche war nie gesund. Seit meinem zehnten Lebensjahr kämpft sie gegen unsichtbare Dämonen. Oder gegen sich selbst. Jeder Mensch hat zig Anteile in sich. Ihr kennt das – Engelchen und Teufelchen. Da sind aber noch viel viel mehr. Innere Kinder jeder Altersstufe, innere Helfer, Krafttiere usw. Mit jedem sollst du klarkommen, damit du innerlich ausgeglichen bist, damit dein Leben gesund nach außen strahlen kann. Ich kenne niemand, der keine Macken hat. Aber im Grunde muss man nur mit seinen eigenen umzugehen wissen. Und natürlich mit denen deiner Nächsten.

Ich wünsche euch ein zauberhaftes Wochenende !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.