Jetzt hast du Zeit

Die Musik gerade düster. Die Welt gerade ziemlich hell. Frühling. Der Mensch ziemlich düster, im Innern. Still, in sich gekehrt, nachdenklich. Endlich. Nicht endlich, dass das Virus gekommen ist, aber endlich, dass der Mensch entschleunigt und hoffentlich beginnt, zu denken. So über dies und das. Was wichtig sein könnte. Wer uns eigentlich bis zum Tod begleitet. Sind es die reichen Künstler – oder die armen Pfleger und Pflegerinnen? Die Krankenschwestern und Ärzte? Sind es die Fußballspieler und ihre Manager oder die Verkäuferinnen, Kassierinnen und Busfahrer? Wer hat wohl mehr wert? Was hat wohl mehr wert? Wer ist wohl wichtiger? Wer muss hier wohl mehr verdienen? Warum sitzen noch immer Hunderttausende auf ihren Millionen? Richtig – sie können nicht anders. Sie sind süchtig. Häuser, Grundstücke, Schmuck, Klamotten, Schampus. Und ihr, die immer gegen die deutsche Politik gewettert habt. Immer gemotzt und gemeckert. Seid endlich dankbar, dass wir hier leben dürfen. Glück für uns, in einem so reichen Land zu sein. Zu Essen, zu Trinken, ein Dach über dem Kopf, Wärme. Freie Wahlen, kein Diktator. Hört auf, alles schlecht zu reden, die Schuld immer bei den anderen zu suchen. Jetzt habt ihr Zeit, kreativ zu werden. Jetzt habt ihr Zeit, euer Talent zu entdecken. Auf eure innere Stimme zu hören. Schaltet mal an, nicht immer nur ab. Damit meine ich nicht den Fernseher. Scheiße, wenn man nie in sich reingeguckt hat, sondern immer nur zur Matschscheibe. Jetzt habt ihr Zeit. Der Virus ist unsichtbar, du kannst ihn nicht erschießen. Ein Feind, mit dem nicht viele gerechnet haben. Aber Leute, es konnte doch sowieso nicht immer so weitergehen. Immer mehr raffen und raffen, horten, horten, horten, größer, schneller, weiter. Das Geld ist nichts mehr wert, gar nichts, wenn du todkrank bist. Dann ist nur noch die Liebe was wert. Mit dem Gefühl der Liebe in sich kann man sterben. Es fällt schwer – na klar – vielleicht dein Kind, deine Frau, deinen Mann, deine Mutter, deinen Vater zu verlieren. Aber du kannst nichts dafür. Verehrst du aber den Diktator, ziehst für ihn in den Krieg, verlierst du dich, du hast keine Freiheit. Pech für den, der in einer Diktatur leben muss. Er kann da nichts zu,  er wird reingeboren. Ein Afrikaner aus einem armen Land kann auch nichts dafür, dass er ist, wo er ist. Aber wer er ist. Ein Mensch mit Herz. Millionen Menschen mit Herzen, die lieben, ihre Familie, ihr Land, ihre Stadt, ihr Dorf. So wie du deine Familie, deine Wohnung oder dein Haus liebst. Du fühlst dich wohl. Jeder sollte sich zu Hause wohl fühlen. Wohl und frei. Behaglich muss es zu Hause sein. Das Zuhause muss dich in Sicherheit wiegen. Es muss trocken und warm sein. Am besten du bist nicht allein. Warum sind so viele Menschen allein? Und warum gibt es so verdammt viele Egoisten? Ich spreche mich davon nicht frei. Ich würde mir selbstverständlich auch eine Schreibwohnung kaufen oder mieten, wenn ich könnte. Ich würde auch ein Auto fahren, das in Ordnung ist. Du kannst Geld nicht fressen. Klopapier auch nicht. Mehl törnt nicht, wenn du es durchs Röhrchen ziehst. Ausnahmezustand. Ja. Wie lange wird es gehen? Jeden Tag neue Infos, neue Schreckensmeldungen, noch mehr Kranke, noch mehr Tote. Alle sind ratlos, keiner kennt das Ausmaß. Glück, wenn du dich mit deiner Familie verstehst. Wenn deine Partnerschaft in Ordnung ist. Jetzt hast du Zeit. Alles bricht zusammen. Auf der ganzen Erde. Die Seifenblase zerplatzt. Wir werden einen Engpass bekommen. Lebensmittel werden zuneige gehen. Seid dankbar, hier sein zu dürfen. Beschwert euch nicht länger. Wacht auf. Ich hoffe sehr, dass du aufhörst, für den Fußball zu leben. Als Fan. Deine letzte Kohle für einen beschissenen Verein rauszuballern. Darum geht es im Leben nicht. Es geht um Liebe, Liebe, Liebe. Um Freundlichkeit. Um Dankbarkeit. Um Hilfsbereitschaft. Jetzt hast du Zeit, das zu begreifen. Ein Jahr? Zwei Jahre? Von nun an ist alles, alles ganz, ganz anders. Wenn du im Kopf noch nie frei warst, hast du jetzt so isoliert, wie du bist, wahrscheinlich ein riesiges Problem. Wenn es beschissen für dich läuft, läuft den ganzen Tag die Glotze. Du ziehst dir den ganzen Scheiß Tag und Nacht rein. Wie fühlst du dich? Hast du Angst? Hab ich Angst? Wie fühle ich mich? Die Tage rennen nur so dahin. Ich schaffe nicht einmal die Hälfte von dem, was ich mir vornehme. Ich habe Glück, riesiges Glück – ich habe eine Terrasse und einen Garten, Platz im Haus. Kann mich in mein Arbeitszimmer verkriechen, schreiben. Trotzdem – die Tage sind viel zu kurz. Die Nächte auch. Jetzt hätte ich erst recht gern eine Schreibwohnung. Dann würde ich die Zeit anders nutzen, dann hätte ich einen geregelten Arbeitstag. Aber im Grunde ist auch das nicht wichtig.

Ich wünsche euch Kraft und Gesundheit.

Fünf Tage später. Mittwoch, 1.4.20

Gin-Tonic. Neben mir das Glas. Kleine Bläschen steigen an die Oberfläche, bleiben dort kurz liegen und lösen sich auf. Die Wanduhr tickt, halb elf am Abend. Zwei oder drei Tage kein Gedicht geschrieben, nur im Garten gearbeitet. Der Roman liegt sowieso auf Eis. Nichts Langes schreiben. Ein Gedicht kann mehr aussagen, als ein ganzes Buch. Gerade jetzt. Viele Menschen gehen gerade in die Depression. Süchtige sind noch einsamer.

Ich wünsche euch alles Gute und viel Kraft.

 

 

 

Henning

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