Ich scheiß auf den Größenwahn!

10 Uhr, Dienstagmorgen, in einer Kneipe, die ich „Lounge“ nenne. Hier kann ich rauchen und schreiben, keiner stört mich. Dies ist nun vorerst mein neuer Arbeitsplatz.

Mucho Guscho geht noch diese Woche in den Druck. Ich arbeite also gerade an „weg“, bin nicht ganz so zufrieden wie mit Mucho Guscho, bei „weg“ hatte ich meinen Stil noch nicht gefunden, zumindest im ersten Teil nicht. Er hakt noch ein wenig. Ich war noch nicht richtig frei, hab zu viel Rücksicht auf den potentiellen Leser genommen. Bei den nächsten Büchern wird das anders. Es gibt einen Spruch: Du musst so schreiben, als wäre deine Mutter tot! So ist es. Als ich das Interview für die ZEIT gegeben habe, sagte ich zum Journalisten, wahrscheinlich sei ich nicht Gott, ich würde ja das Wort „Ficken“ öfter verwenden. Aber auch ein Gott dürfe doch „Ficken“ sagen oder schreiben, sagte der Journalist. Er hat recht. Ich will nicht sagen, dass ich Gott bin, jedenfalls nicht DER GOTT … Nicht der Ur-Gott, der alles erschaffen hat. Aber zumindest war ich einmal ein Gott. Deswegen musste ich ja auch in die Klapse. Zehnmal oder so. Zum letzten Mal war ich 2011 in der Tagesklinik in meiner hypomanischen Phase. 2007 stationär mit einer voll manischen Phase, zum Glück ohne große Halluzinationen und paranoiden Attacken. Ich habe ja dazu gelernt im Laufe der Jahrzehnte. Ich hatte schon lange kein euphorisches Hochgefühl mehr. Nicht einmal, als ich die ganzen Gedichte von 2003 gelesen habe. Ich konnte sie zwar nicht richtig objektiv betrachten, aber der auserwählte Dichter, der sie unter Zwang lesen muss, war ich auch nicht. An ganz viele Verse konnte ich mich nicht einmal mehr erinnern. Viele der Gedichte sind zu abgehoben, nicht nachvollziehbar, aber viele Texte sind auch voller Ehrlichkeit und Göttlichkeit. Ich müsste den Friedens-Nobel-Preis bekommen. Und den Literatur-Nobel-Preis gleich mit. Alles in einem Abwasch. Muss ich nur einmal nach Stockholm fahren. Ich schreibe schon mal die Rede. Vielleicht kann ich das ja auch übers Telefon erledigen, weil der Papst an jenem Tag gerade bei mir zu Besuch ist. Ich gehe mit ihm ins Havana, oder in die „Lounge“. Jedenfalls kann er zu mir kommen, wenn er ne Frage hat. Meine Frau backt ihm seinen Lieblingskuchen, wenn ich sie darum bitte. Ich weiß immer gar nicht, warum er so n weißes Bettlaken tragen muss. Wozu der ganze Aufwand – so will ich nicht mal beerdigt werden. Viel zu großspurig. Und das, obwohl ich doch der Chef von ihm bin. Ich muss mir erst mal einen Überblick verschaffen, was im Vatikan alles so passiert. Ich trete nur nicht aus der Kirche aus, wenn einmal im Jahr alle Erträge und Ausgaben für jeden Menschen einsehbar sind. Kirchenmitglieder müssen wissen, was mit ihren Geldern geschieht. Entweder wir arbeiten alle Hand in Hand oder Millionen Mitglieder werden eines Tages in die WFA wechseln. Ist doch nur ein Fingerschnipp. Eine Unterschrift. Der Glaube versetzt Berge. Glaubt ihr nicht? Ich schon. — Herbert Grönemeyer war Freitag beim NDR in der Talkshow von Frau Schöneberger. Er sagte, er wundere sich immer wieder darüber, wie genau die Menschen bei seinen Texten zuhören würden, es wären doch nur seine Gedanken, mehr nicht. So einfach ist das aber nicht, Herbert! Gedanken kommen nicht einfach nur so. Sie haben Sinn. Und wenn man in sich Liebe und Glaube trägt, dann entstehen eben ganz wichtige Gedanken, die man zu teilen hat. Göttliche Gedanken. Die Gedanken vom Papst sind nicht wichtiger als die Gedanken vieler, vieler anderer Menschen. Gedanken haben Macht. Aus einem Gedanken ist das Denken entstanden. Meiner Meinung nach ist so ziemlich alles Leben aus einem Gedanken entstanden. Von wem dieser Gedanke kam? Lassen wir es doch beim Ur-Gott. Und wo kommt dieser Ur-Gott her? Da müsst ihr ihn schon selbst fragen. Oder ihr überlasst es eurem Glauben. Eurer Vorstellung. Solange man an etwas glaubt, gibt es das auch. Das sagt meine Frau immer zu unserem Sohn, wenn er nach dem Weihnachtsmann fragt. „Wenn du an den Weihnachtsmann glaubst, gibt es ihn auch!“ Eine ehrlichere Antwort gibt es nicht. Für mich gab es schon immer einen Gott, jedenfalls solange ich zurück denken kann. Jesus sowieso. Die Jünger. Es gibt auch Allah und die dreihundertdreißigmillionen Götter der Hindus, und Buddha, und alle anderen Götter. Solange es Menschen gibt, die dran glauben, existieren sie. Sie sind uns behilflich. Sie hoffen auf uns. Bitte nicht in jedem Gebet, danke lieber. Bereue. Besitzt man einen Glauben, sollte man dankbar dafür sein. Die Götter hoffen darauf, dass wir die Menschen zum totalen Weltfrieden zwingen. Es geht nur mit Erpressung an die Seele, ans Gewissen. Ein anderer Weg ist nicht mehr möglich. Alle anderen Wege, wofür Opfer gebracht werden, wofür getötet wurde und getötet wird, sind falsche Wege, sie führen, wenn es gut läuft, ins Nichts. Du kannst froh sein, wenn du nach dem Sterben das Nichts erreichst. Es gibt nämlich durchaus Schlimmeres. — Eigentlich bin ich gar nicht so n fanatischer Typ. Ich finde mich ziemlich normal.

Mittwoch, 14.40 Uhr. Zuhause.

Sitze an meinem schönen Schreibtisch und verarbeite die Absage einer großen Zeitung. Kein Interesse meine Gedichte zu Ostern abzudrucken. Ich dachte, Ostersonntag ist ein fantastischer Tag eine Zeitung nur mit meinen Gedichten in alle Briefkästen Deutschlands zu stecken. Ist bei dieser Idee geblieben. Jetzt hab ich die Schnauze erst mal voll, die Erde retten zu wollen. Dann gehen die Kriege eben weiter, dann bleibt das Leben für die Massen ohne Sinn, die Suche nach Glück auf materiellem Weg bleibt bestehen. Na bitte. Ich mach also die ganze Scheiße mit den Veröffentlichungen allein. Der Größenwahn hat sich erst mal ausgeträumt. Da müssen wir durch. Ich zumindest. Vorbei mit der riesigen Hoffnung, in absehbarer Zeit die ganze Welt zu erobern. 100 Klicks hatte ich am Samstag auf meinem Blog, ich wette da waren viele Journalisten und Redakteure bei, sie haben kein Feuer gefangen, sie glauben nicht an mich. Dann nicht, ich kann es nicht ändern, die Erpressung hat nicht gefruchtet.

Ich wünsche euch allen eine schöne Restwoche, bis bald

Euer Weltschriftsteller   !

 

 

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