Ich lebe für dich

Vier Grad plus. Die Schneeflocken tanzen nicht mehr, hier, am Deister. Nur noch ein paar wenige, die keinen Teppichboden mehr schaffen. Schade. Der Himmel hellgrau verhangen. Die Bäume blätterlos. Ich genieße die Stille. Ich genieße es, in meinem kleinen Zimmer am Schreibtisch zu sitzen und darauf zu warten, dass mir ein paar wenige Worte zuflattern. Ich habe Sartres Der Ekel begonnen zu lesen, ich glaube, es könnte ein Buch sein, in das ich hineinkomme, auf das ich mich einlassen kann. Die ersten Seiten jedenfalls waren sehr angenehm zu lesen. Vielleicht inspirieren mich ja einige Passagen seines Tagebuchs, wer weiß. Es ist gleich zwölf Uhr mittags, gerade sitzt eine Elster auf dem Dachfirst. Und zack – weg ist sie schon wieder. Mein Fenster zeigt nach Osten, die Aussicht aber ist rar. Schaue ich Richtung Süden aus unserem Haus, kann ich weit über die hügelige Landschaft hinwegblicken. Der Deister liegt mir nördlich zu Füßen. Wenn es mich packt, gehe ich dort spazieren. Leider leider viel zu selten.

Du weißt, was du tust. Du weißt, was du da machst. Du kennst jede weiße und schwarze Taste. Du lässt sie sprechen, ohne ein Wort zu gebrauchen. Du beherrscht das Piano wie deinen eigenen Körper. Es ist ein Teil von dir. Ihr seid verwachsen. Mit geschlossenen Augen findest du den richtigen Ton. Auch ein Saxophon kann sprechen. Man muss sich drauf einlassen können auf die richtige Stimmung. Dann kann man einiges von dem verstehen, was der Musiker ausdrücken möchte. So viele Leser wie momentan hatte ich seit längerer Zeit nicht. Das ehrt mich. Wenn du den folgenden Text liest, so höre dazu ein wenig Klaviermusik. Leises Geklimper mit Sinn und Verstand. Keinen verrückten Jazz. Hör der Schönheit der Klänge zu.

Sorgenlos?

Du erscheinst mir leicht verrückt, ausgeflippt dein Lachen, gibt es was, was dich bedrückt, was andere trauernd machen? Ich hab dich niemals leiden sehen, versteckst du deine Angst? Niemand kann deinen Plan verstehen, wonach du ständig laut verlangst. Verbrüdert euch und seid ein Kreis, verschwistert euch und fasst euch an. Das Kind, die Frau, der Mann, der Greis, magisch wirkt der Liebesbann. Du hältst an deinem Glauben fest, jeder soll dein Spiegel sein, Kummer hat hier Hausarrest, du kreist die Trauer Fremder ein. Deine Fröhlichkeit erschreckt mich immer, dein Optimismus ist ein Sieg, du verzeihst keiner Seele Kummer, Kummerseele bedeute Krieg. Gleich haben wir dich verloren, der Tod hat dich gepackt, du strahlst: Ich werde neu geboren, die ganze Liebe wird entschlackt.

Ach, Liebe. Ach, Liebelei. Du bist so nah. Und doch so fern. Liegst drüben und schläfst. Vielleicht traumlos, vielleicht voller Alpträume, ich weiß es nicht. Du sagst es mir morgenfrüh, falls du es noch weißt. Falls ich nicht schon wieder unterwegs bin. Du weißt, ich bin gern unterwegs, mich festzuhalten wie eine Fliege unter einem Glas, wäre wie für sie mein Tod. Nicht mein leiblicher, doch zumindest mein geistiger und seelischer. Du lässt mir mein Gewissen. Du vertraust. Baust auf mich, unser Fundament ist voller Kraft. Wir haben es uns versprochen, auf ewige Zeit. Du bleibst. Ich bleibe. Ich für dich. Du für mich. Wir für ihn. Das ist unser Sinn. Dies ist unsere Zeit. Eine Ewigkeit. Wir haben uns entschieden für uns. Ein Versprechen, das über den Tod hinausgeht. Du bleibst. Ich bleibe. Nichts verbindet mehr, als die Liebe. Nichts ist mächtiger. Ich lebe für dich. Ich liebe für dich. Ich glaube für dich. Ja, ich glaube für dich. Für dich mit. Du ehrliche Haut. Du weiche Fee. Du Herz, das in mir schlägt. Im gleichen Klang. Zweifach. Dreifach.

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