Einsamkeit. Jack Daniel’s-Story

Wie stellt man sich einen Schriftsteller vor? Ich stelle ihn mir Weintrinkend, Zigarettenrauchend am PC vor, der Monitor schwarzweiß, das Zimmer total verqualmt, zerzaustes Haar, Unordnung, keine Pflanze auf dem Schreibtisch, vielleicht eine vertrocknete rote Rose neben dem übervollen Aschenbecher … Es ist Nacht. Er ist besessen von einer Idee, die er unbdingt schnell zu Papier bringen muss. Es klingelt. Er schaut auf den Monitor. Es klingelt wieder, seine Finger bleiben über den Tasten stehen. Mit Kippe im Mund geht er zur Tür und linst durch den Spion. Seine Geliebte ist da, jung, schlank, blond oder auch nicht. Egal. Sie liebt ihn. Er sie auch, auf seine Art. Sie ist derzeit seine Muße. Sie schlafen zusammen, teilen sich die Zigarette danach. Sie sagt, sie liebe ihn. Er schweigt, steckt sich eine neue an. Du bist ein Arschloch, sagt sie und küsst ihn auf den Mund. Sie weiß Bescheid. Nackt steigt sie aus dem Bett, bückt sich, hebt ihre Klamotten auf. Sie zieht sich an. Er schaut unterdessen auf die Uhr. Die Zeit rennt. Dann steht er ebenfalls auf und wirft sich den roten Morgenmantel über. Sie möchte gern noch einen Kaffee mit ihm trinken, es geht nicht, er setzt sich an den PC. Nichts anderes ist wichtig. Sie soll verschwinden. Sie steht im Türrahmen und zuckt mit den Schultern. Sie küsst ihn auf den Hinterkopf und geht. Er hackt auf die Tasten … Nein, der Schriftsteller ist nicht einsam. Er ist allein, aber nicht einsam, so lange er schreibt. Einsame Menschen sind traurig. So lange der Schriftsteller schreiben kann, ist er nicht traurig. Er arbeitet, in ihm arbeitet es Tag und Nacht. Er ist eins mit seinem Buch. — Es gibt aber viele einsame Menschen. Auch verheiratete Menschen können einsam sein. Mit ihren Gedanken, mit ihren Träumen (falls sie welche haben), selbst mit ihren Worten bleiben sie einsam. Sie sagen sich, es interessiert ja eh keinen, was ich zu sagen habe. Ach, eigentlich habe ich ja auch nichts zu sagen. Der Mensch ist kein Einzelgänger. Er braucht einen Gegenüber, jemand, mit dem er sich austauschen kann. Allein sein ist in Ordnung für eine gewisse Zeit, aber zu lange sollte diese Zeit nicht andauern. Ich wünsche euch allen einen guten Zuhörer, und auch einen, der euch mal einen Ratschlag mit auf den Weg gibt. Und du solltest auch ein guter und aufmerksamer Zuhörer sein. Dir wird es gedankt   .

Habe vergessen, Freitag die Jack Daniel’s-Story zu veröffentlichen. Hier ist sie:

UNFALL

Der Wagen steht, ich dreh meinen Kopf nach rechts. Sie hat die Augen geschlossen, die Lippen leicht geöffnet. Der Lippenstift sitzt. Sie atmet. Ihr Kopf lehnt an der Kopfstütze. Ich drehe mich nach hinten. Ihre Freundin sitzt mit weit aufgerissenen Augen und schnell stoßweise ausatmenden Mund starr da und schweigt. Die Motorhaube scheint die Hälfte ihrer Länge eingebüßt zu haben. Es quamt aus allen Öffnungen. Der Truck steht stahlhart und tonnenschwer vor der Windschutzscheibe. Er ist dunkelblau. Mein Blick geht zwischen ihre Beine. Da steht sie, die Flasche. Neu, glänzend, kühl. Direkt in ihren Schoß gepresst. Ich greife sie mir, drehe den Verschluss auf und höre das gewohnte Knacken, wie schon einmal vor drei Stunden. Im Wagen wird es langsam kalt. Die Scheiben beschlagen. Der Wind will durchs Blech rauschen und uns wegfegen. „Gib mir einen Schluck“, haucht sie   .

 

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