Ein riesiges Geschenk

Guten Abend!

Ja, es ist ein wundervoller Abend – auf meiner Terrasse – bei gut 25 Grad. Der Merlot mundet, die Zigarette kickt. Ich möchte gern etwas schreiben, allerdings weiß ich noch nicht, wo mich dieser Text hinführt. Ich bin sehr klar, sehr ausgeglichen. Es ist nicht ganz so leicht ohne meine gewohnte Fantasie auszukommen. Doch es geht mir, muss ich zugeben, äußerst gut. Nicht zu gut. Schon lange nicht mehr. Keine kranke Euphorie. Keine manischen Ausflüge. Die Medis greifen dort, wo sie greifen sollen. Natürlich im Gehirn. Sie regulieren die Botenstoffe. Ich kann mich konzentrieren. Ich kann mich freuen. Ich kann arbeiten. Ich fühle. Schon lange kann ich auf den Mittagsschlaf verzichten. Was für eine Lebensqualität! Und nun warte ich wieder auf ein paar Worte, die ich euch schreiben kann. Was bringt es, über den Krieg zu schreiben? Was bringt es, über Corona zu schreiben? Was soll es noch bringen, über das Klima zu jammern? Uns bleibt nichts weiter übrig, als unseren kleinen Beitrag zu leisten. Jeder so gut wie er kann. Wir sollten unsere Tage genießen. Uns an dem kleinen Stück Natur erfreuen, welches noch in Ordnung scheint. Oder auch ist. Die Natur wird sich irgendwann ganz sicher erholen. Wir Menschen hingegen gehen den Bach runter. Ehrlich – ich würde heutzutage wahrscheinlich kein Kind mehr in diese Welt setzen. Ich bräuchte nicht zu erwähnen, dass das Trinkwasser knapp wird.

Zu gerne treffe ich mich mit guten Freunden. Zu gerne unterhalte ich mich mit ihnen. Natürlich fehlt oft die Zeit. Weil noch lieber, als mich zu verabreden, sitze ich mit meiner Frau auf unserer Terrasse. Und trinke mit ihr gemeinsam ein Glas Wein. Oder auch eine Flasche. Ich kann sagen, dass es mit ihr noch nie langweilig gewesen ist. Ich kann mich nicht auf Anhieb daran erinnern, wann wir zusammen den letzten Film gesehen haben. Es gibt so viel zu erzählen. Jeden Tag passiert eine unglaubliche Menge. (Fette Mücken nerven mich hier draußen.) Ich denke selten zurück an alte Zeiten. Ich denke derzeit sehr wenig an die Zukunft. Stelle mir schon lange nicht vor, wie es wäre, reich und berühmt zu sein. Mache nicht mehr auf Zigarrenmacker. Ich lebe tatsächlich voll und ganz im Hier und Jetzt. Die Arbeit an sich selbst kann unglaublich anstrengend und fordernd sein. Seit etlichen Jahren unterziehe ich mich einer Verhaltensthreapie. Immer wieder und wieder warten neue Herausforderungen, die anzugehen sind. Oftmals tappt man mehrere Male in dieselbe Falle. Oder zumindest in eine ähnliche. Wozu ich überhaupt keine Lust mehr habe, ist, mich mit Menschen zu treffen, die mich nicht weiterbringen. Reine Zeitverschwendung. Pflichttreffen sind mir zuwider geworden in den letzten Jahren. Verschont mich also bitte, wenn ich mich nicht selbst irgendwann melde. Sucht euch euresgleichen. Zu saufen habe ich schon lange keine Lust mehr. Außer mit TB und Bollo. Das Schöne ist, dass wir uns nüchtern auch unterhalten können. Wir müssen nicht zwangsläufig trinken, wenn wir uns treffen. Leute, die so richtig voll sind, verabscheue ich regelrecht in ihrem Rausch. Lallen. Torkeln. Wanken. Scheiße quatschen. Dinge tun, die man nüchtern nicht tun würde. Dinge sagen, die man nüchtern nicht einmal zu denken wagt. Hört auf mich zu nerven. Klar kann es mit den richtigen Saufkumpanen tierisch lustig werden. Doch will ich mir unbedingt diese Menschen selbst aussuchen dürfen. Das Leben ist wie gesagt anstrengend genug. Ihr seht, die Kreativität zu einem gelungenen Text ist mir flöten gegangen. Es ist ja alles so realistisch um mich herum. Die Glaskugel mit meiner Fantasie steht neben mir und ist fest verschlossen. Nicht einmal mit einem Hammer aufzuschlagen. Jedenfalls zurzeit. Das Leben findet zumeist in Phasen statt. Meine derzeitige Phase ist die volle Realität. Ist die Freundlichkeit zu mir und anderen, denen ich auf meinem Weg begegne. Keine Flausen im Kopf. Nichts Verrücktes. Man könnte meinen, was für ein erbärmlich langweiliges Leben. Aufgegeben habe ich mich nie ganz und gar. Aus den tiefsten Depressionen bin ich auferstanden. Und dies wünsche ich jedem. Sich an den vielen Kleinigkeiten zu erfreuen. Nicht neidisch sein. Schon gar nicht missgünstig. Wisst ihr, was richtig schön ist: Dass ich nicht mehr glaube, ich müsse die Menschheit vor dem Untergang retten. Wie erleichternd diese Erkenntnis doch ist! Ich liebe meine Frau. Ich liebe meinen Sohn. Ich liebe meine Mutter. Und ich liebe meine Freunde. Und die gleiche Liebe empfangen zu können, ist ein riesiges Geschenk. So, liebe Leserinnen und Leser, dies soll es für heute gewesen sein. Macht’s gut.

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