Betrunken

Vielleicht sollte man nicht betrunken in einem Blog etwas von sich preisgeben. Vielleicht. Aber ich bin jetzt nun mal betrunken – Rotwein. Ich kann da nichts für. Ich genieße den Rausch. Den Geschmack des Zigarrenrauchs im Mund. Küssen würde meine Frau mich jetzt nicht. Und meinem Sohn wollte ich jetzt auch nicht unbedingt eine Geschichte vorlesen.

Ich sitze hier in meinem Arbeitszimmer – die antike Uhr von 1910 – ein Erbstück meines Vaters – tickt im Rhythmus. Zur vollen und zur halben Stunde läutet sie. Wundervoll. Das Glas Rotwein rechts neben mir. Vor ein paar Wochen noch schrieb ich meinen Brieffreunden Hunderte Seiten – jetzt schreibe ich allen, die mich lesen wollen. Ich weiß nicht, wer mich liest. Ich weiß auch nicht, wer meine Bücher liest. Schade eigentlich. Schreiben Sie mir doch mal! Warum schreibe eigentlich immer nur ich? Am meisten freue ich mich über echte Briefe. Schicken Sie sie am besten meinem Agenten. Er leitet sie dann umgehend an mich weiter. Ach ja, ich hab ja keinen. Dann schreiben Sie mir eben doch nur eine Mail. Aber auch ein paar schöne Worte. Genug Scheiße liest man ja jeden Tag in der Zeitung. Ist schon hart das Leben da draußen, außerhalb meines Arbeitszimmers. Außerhalb Europas zumeist erst recht. Und nicht mal nur da – hundert Meter weiter schreit der Mann seine Frau an und schlägt ihr den Schädel ein. Jedes zwanzigste bis dreißigste Kind wird missbraucht. Wir machen die Augen zu. Wir machen weiter, als sei nichts geschehen. In Aleppo wurde am Wochenende das letzte Krankenhaus zerbombt – ein Kinderkrankenhaus. Ich stelle mir manchmal vor, ich müsste mit meinem Sohn flüchten, stelle mir manchmal vor, er müsse hungern. Lieber nicht!

Ich weiß. Man liest es ja jeden Tag in der Zeitung. Warum schreibt jetzt auch noch dieser beschissene Blogger darüber! Wir wissen es doch! Ja, wir wissen auch, dass die Zerstörung der Erde nicht mehr aufzuhalten ist. Und? Ändern wir was daran? Ach ja, wir sortieren den Müll. Aber eigentlich auch nur so halbherzig. Darauf kommt es doch nicht an. Und wir fahren mit dem Auto dreihundert Meter zum Supermarkt. Und ich bringe meinen Sohn jeden Tag mit dem Auto zum Kindergarten. Schade, dass ich nicht reinfahren kann. Und hole ihn auch mit dem Auto wieder ab. Ein Kilometer Luftlinie. Mit dem Fahrrad fünf Minuten. Zu Fuß höchstens dreißig. Was für ein gutes Gefühl es doch wäre, ihn zu Fuß hinzubringen. Ehrlich – auch wenn ich betrunken bin – ich nehme es mir jetzt vor. Ab morgen. Morgen schreibe ich Ihnen, ob ich erfolgreich war. Ich könnte jetzt ewig so weiterschreiben. Lasse es aber. Ich will Sie nicht nerven.

Gute Nacht

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