Alte Geschichten

Wenn ich schreiben kann, geht es mir gut. Und ich kann seit ein paar Tagen schreiben! Ich arbeite an BLOCK. Es geht anscheinend endlich weiter. Endlich wieder ein Roman, der aus meiner Feder entspringt. Ich schreibe mit dem Füller, den mir meine Frau einst geschenkt hat. Heute saß ich bei einer guten Zigarre in einer Raucherlounge. Da ich nun per Hand schreibe, kann ich mich in jedes x-beliebige Café setzen. Oder in den Wald. An einen See. In jeder Kneipe kann ich Block und Füller auf den Tisch legen. Und gibt es eine Raucherlounge, desto besser. Jetzt heißt es, genügend Seiten zusammenzubekommen. So viele, dass daraus ein Buch entstehen kann. Schaffe ich es, nur eine Stunde am Tag zu schreiben, bin ich zufrieden. Natürlich schaffe ich an manchen Tagen auch drei bis vier. Seitdem ich wieder regelmäßig und hochkonzentriert am Roman sitze, hat mich ein ganz eigenartiges Körpergefühl ergriffen. Zeitweise fühle ich mich wie auf Droge. Oder so (nach drei bis vier Stunden), als habe ich nächtelang nicht geschlafen. Ich grinse gerade vor mich hin. Schenke mir ein Gläschen Rum ein. Lasse den Tag ausklingen. Gleich ist es Viertel vor zehn. Vielleicht schaue ich mit meiner Frau noch eine Folge der Serie „Haus des Geldes“. Vielleicht schläft sie aber auch schon. Zurzeit gucke ich ganz gern mal einen Film oder eine Serie. Ach ja, ich werde demnächst ins Kino gehen. Ich werde mir einen schönen Film ansehen. Meine Tage laufen ziemlich strukturiert ab. Und sie gehen rasend schnell rum. Ich kann gerade wirklich nicht klagen. Mein Schlaf ist ausreichend, ich gönne mir Pausen, ich fröne meinen Süchten und genieße soweit ich kann, mein Leben. Wenn mir kalt ist, stelle ich die Heizung wärmer. Habe ich Hunger, esse ich was. Ich genehmige mir einen guten Wein oder einen Rum. Ich nutze meine freie Zeit für Dinge, die mich erfreuen. Wechselhaft ist mein Leben. Gerade noch war ich ganz schön tief unten, jetzt glaube ich, in der Mitte zu sein, morgen bin ich vielleicht schon wieder drüber … So ändert sich oftmals alles von einem Tag zum anderen. Ein Wechselbad der Gefühle. Wenn es nicht so extrem wäre, wäre es wahrscheinlich sogar ein Stück normal. Jeder kennt die gute und die schlechte Laune. Jeder kennt Antrieb und Antriebslosigkeit. Manchmal ist man übermotiviert, manchmal könnte man im Strahl kotzen, weil man zu gar nichts Lust hat. Meine Mutter ist anscheinend meistens ausgeglichen. „Wie soll es mir gehen? Gut. Wie immer.“ Wenn es meiner Schwester und mir gutgeht, geht es ihr im Grunde auch gut. Es sei denn, ihr Körper macht ihr zu schaffen. Dann klagt sie hin und wieder über Schmerzen. Sie sagt, sie langweilt sich fast nie. Sie trifft sich mit Freundinnen, strickt für mich und meine Freunde Socken, liest, kocht jeden Tag (würde nie auf die Idee kommen und sich etwas bestellen), putzt wie verrückt ihre Wohnung, schaut gern Krimis usw. Sie braucht nicht den ganz großen Kick. Sie muss nicht kiffen und trinken. Sie ist völlig klar mit ihren 79 Jahren. Ich glaube, im Geist ist sie ziemlich jung geblieben. Hätte sie ihre Kriegsverletzungen nicht, wäre sie bestimmt auch noch gut auf den Beinen. Meine Oma flüchtete damals mit sieben Kindern von Danzig nach Hannover. Mein Opa saß in amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Turin fest. Ihm sei es dort ganz gut gegangen, meint meine Mutter. Meine Oma hat öfter mal von früher erzählt, doch wie das leider bei mir so ist, funktioniert mein Hirn nicht ganz so gut und ich vergesse schnell. Ich würde die alten Geschichten gern immer wieder hören. Die Schwester meiner Mutter ist zehn Jahre älter als sie. Das heißt, in zehn Jahren hat meine Oma sieben Kinder zur Welt gebracht. Meine Mutter sagt, sie war jedes Mal sauer auf meinen Opa, wenn sie wieder schwanger war. Mein Opa hatte in der Nähe von Danzig einige Hektar Land zu bestellen. Er war mit Leib und Seele Landwirt. Nach dem Krieg hatte er nicht mehr den Mut, selbständig zu arbeiten. Leider. Er schaufelte Kies, ackerte als Straßenbauarbeiter und fand schließlich eine Stelle in einer Druckwalzenfabrik. Als er mit seinem Bagger Kies schaufelte, stieß er eines Tages auf zwei Stoßzähne eines Mamuts, die er für zehn Mark verkaufte. Tja, kann man nichts machen. Er war der ganz stille Typ. Erzählte fast nie was. Ich nehme an, er ist depressiv gewesen.

Jetzt ist es Viertel nach zehn. Zeit, Schluss zu machen. Gute Nacht! Machts gut.

Henning

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