Sonnenschein und Düsternis

Ein wunderschöner Wintertag. 8 Grad plus und Sonne. Ich saß sogar eine halbe Stunde auf der Terrasse. Jetzt ist es 17 Uhr und immer noch hell. Mein Fenster im Arbeitszimmer geht nach Westen raus, die Sonnenstrahlen treffen auf die weiße Wand und verleihen ihr einen gelblich, cremefarbenen Ton. Das Fenster steht auf kipp, ich spüre den leichten Zug der frischen, klaren Luft. Und na klar – die Wanduhr von 1910 tickt, das Pendel schwingt. Die Bleistiftzeichnung von Hemingway hängt links an der Wand, er ist ins Schreiben vertieft. Schade, dass ich hier aus diesem Zimmer nicht die wundervolle Aussicht über Felder zum kleinen Deister habe. Ich schaue auf ein weißes Einfamilienhaus, dazwischen sind aber noch Sträucher, Terrasse und ein Stück Rasenfläche. Ich bin zufrieden. Ich bin sowieso zurzeit zufrieden mit meinem Leben. Ich fühle mich ziemlich ausgeglichen, klar, immer mit ein paar Hochs und Tiefs. Die sich aber alle im Rahmen halten. Ich überschreite nicht den Rand. Na ja, manchmal strecke ich den Arm drüber und balle die Faust. An der „großen Freiheit“ schnuppern. Oder ich verkrieche mich unten in die Ecke, falle aber nicht weiter runter. Ich halte mich. Meine Gedanken flitzen von Bande zu Bande, stehen selten still. Gut so. So ist der Geist wach und kreativ. Oft bin ich aber auch schlapp – körperlich. Ich sollte endlich Sport machen! Zumindest jeden Tag spazieren gehen, fünf bis zehn Kilometer. Wenn der neue Roman durch ist, ordne ich mir einen Monat Schreibpause an. Ich dachte ja, ich schreibe dann was ganz Aktuelles. Ist aber vielleicht doch nicht so. Vielleicht krame ich auch etwas ganz Altes hervor und überarbeite es – hier fliegt genug rum. Ich bin auf mich selbst gespannt. Kann ganz spontan gehen. Ich hätte auch Lust, mich mal wieder mit ein paar Freunden zu treffen. Meinetwegen vormittags – im Frühling kann man ja nett vor einem Café sitzen und Tee schlürfen. Leute beobachten, Szenen und Wörter notieren. Oder einfach abhängen und träumen. Ich freue mich sehr auf die warme Jahreszeit. Am liebsten habe ich die Abende mit meiner Frau auf der Terrasse. Freie Abende. Feierabende. Ja, tatsächlich ist es ein Fest, mit meiner Frau im Dunkeln draußen zu sitzen und zu reden, zu klönen, auch mal zu schweigen. Am schönsten ist es, wenn der Wind von Norden weht, eine ganz leichte Brise reicht schon, dann hört man keine Autogeräusche von der Bundesstraße. Der Wind drückt sie weg. Herrlich. – Ich muss jetzt los zu meiner Mutter, bin zum Abendessen eingeladen. Bis später …

Es ist halb elf. Ich bin noch ziemlich wach. Es ist zu spät für ein Glas Wein. Dann komme ich morgenfrüh nicht gut aus den Federn. Also trinke ich Schlaftee mit Baldrian und irgendwelchen Kräutern. Richtige Müdigkeit bringt aber nur die Schlaftablette. Ich werde gleich im Bett noch ein paar Seiten Rocko lesen, dann noch einige Zeilen ins Tagebuch schreiben. Schade, dass das Leben oft so eingeschränkt ist. Ich weiß, ich darf mich nicht beschweren. Welcher arme Autor hat schon das Glück, so eine Freiheit zu genießen, wie ich sie genießen darf! Dennoch ist die Freiheit begrenzt. Wäre sie das nicht, würde ich jetzt in eine Bar fahren, eine Zigarre rauchen und etwas trinken. Kurz ins Taxi und gut. Es gibt eine Menge Menschen, die sich so einen Luxus leisten können. Ob sie glücklich sind, weiß ich natürlich nicht. Bin ich glücklich? Manchmal ja. Meistens nicht. Zufrieden schon. Das sollte ja auch reichen, sagt man. Glücksmoment. Ein Augenblick des Glücks. Ein Glücksrausch. Wann warst du zum letzten Mal richtig glücklich? Weißt du es noch? Als du einen Orgasmus hattest? Ist das Glück? Vielleicht für manche. Ich kenne anderes Glück. Ich kenne wahre Euphorie. Über Wochen. Ja, ich kenne aber auch die Hölle danach. Den Keller. Das nasse dunkle Verließ. Trotzdem sind die arm dran, die nur depressiv sind im Leben. Nie manisch. Die nur die Tiefe kennen. Und den „normalen“ Zustand. Nicht die Höhe. Die immer unter dem oberen Rand kleben bleiben. Die es nicht schaffen, ein Loch zu bohren oder ein Stück aus dem Rahmen herauszureißen. Das Loch muss groß genug sein, um es wiederzufinden, um hindurchzusteigen und es dann zu kitten.

So, jetzt die letzte Tasse Tee. Und die letzten paar Sätze für heute. Wie gern würde ich mir jetzt hier in meinem Zimmer eine Zigarre anzünden und bis morgens um vier schreiben. Dann bis mittags schlafen, was essen und weiterschreiben. Aber ja, morgenfrüh strahlt mich mein Sohn an und fragt, ob wir spielen. Um sieben meistens. Das ist im Übrigen ein Glücksmoment. Und jetzt, wenn ich ins Bett gehe und mich neben meine Frau lege, ihre Hand berühre, dann ist das auch ein Augenblick des Glücks. Was will ich also? Ich habe ein Dach überm Kopf, eine Heizung, warme Kleidung, was zu essen, den totalen Luxus. Ich bin einigermaßen gesund. Auf jeden Fall fühle ich mich momentan so. Jetzt. In diesem Augenblick. Morgenmittag, wenn ich meinen toten Punkt habe, nicht mehr. Dann spüre ich meine Krankheit. Dann weiß ich, da ist was ganz und gar nicht in Ordnung. Die Psyche. Klar, anderen gehts viel schlechter. Ich weiß. Ich habe Augen und Ohren. Ich habe eine Zeitung. Ich sehe manchmal fern. Ich gehe in die Stadt. Jetzt am Wochenende in Hamburg habe ich die übelste Armut gesehen. Menschen, die sich in Hauseingängen mit ihren paar Habseligkeiten bei minus zehn Grad verschanzen. Wir gehen dran vorbei und lachen eine Sekunde später wieder. Es gibt Leute, die sich lustig über solche armen Geschöpfe machen. Ich hab’s Samstag gesehen und gehört. Jugendliche können grausam sein. Erwachsene auch, natürlich. Ich soll nicht so düster denken. Heute hat mich ein Freund angerufen, nachdem er im Blog „Der sterbende Künstler“ gelesen hat. Er fragte, ob’s mir gut ginge. So düster seien ja eigentlich immer seine Gedanken, nicht meine. Hm. Ich finde meine Gedanken nicht düster. Ich denke normal, finde ich. Besser düster, als gar nicht denken und nur in die Glotze starren. Egal, welche Sportsendung, Hauptsache Glotze. Kommst du nach Hause, Glotze an. Das Letzte, was du tust, Glotze aus. Du krepierst vor der Glotze. Mir gefallen düstere Gedanken ganz gut. Nicht mit Horrorgedanken zu verwechseln. Ist auch scheißegal jetzt. Ich springe von Punkt zu Punkt, da ist keine Linie drin. Wo denn überhaupt „drin“? Im Denken? Nee, in meinem Denken nicht. Und das ist gut so — finde ich   !

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