Ganz plötzlich

Lass die Gedanken fliegen. Wer weiß, wo sie dich hinführen. Die Gedanken können frei sein. Sie könnten es zumindest. Folge ihnen, wenn du es vermagst. Beobachte sie. Halt einen Gedanken, der dir gefällt, kurz fest. Und dann lässt du ihn wieder frei. Breite deine Arme aus. Atme tief ein, atme tief aus. Am besten, wenn du freie Sicht hast, irgendwo in der Natur. Such dir einen Platz, der für dich bestimmt ist. Du wirst ihn finden. Vielleicht kennst du ihn schon. Ich habe keine Ahnung, wo dieser Text mich hinführt. Bis eben hatte ich noch nicht einmal eine Ahnung vom Anfang. Lass die Gedanken fliegen. Wenn möglich, in ganzer Klarheit. Vielleicht fällt dir auch der eine oder andere Traum ganz plötzlich wieder ein. Eine kurze Sequenz. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Ich weiß nicht, was ich schreiben möchte. Habe keine Lust, meinem Therapeuten zu schreiben. Habe keine Lust, meiner Brieffreundin zu schreiben. Habe gar keine Lust, irgendwem zu schreiben. Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Da führt kein Weg dran vorbei. Glaub nicht, dass ich den nächsten Satz schon kenne. Geschweige denn den Schluss. Keiner kennt den Schluss. Nur, wenn du den Film schon gesehen oder das Buch schon gelesen hast. Der Schlusspunkt des Lebens kommt oft unverhofft. Ganz plötzlich. Zack – bist du tot. Ist es von Vorteil, wenn du dich drauf vorbereiten kannst? Wenn dir jemand sagt, du hast noch ein Jahr zu leben? Oder ist es besser, du kippst einfach um? Für dich vielleicht schon. Für dich aber auch nur. Wenn überhaupt. Ich muss abnehmen. Werde immer fetter und fetter. Ich muss mich bewegen. Fahrrad fahren. Spazieren gehen. Nicht so viel Stuss in mich hineinstopfen. Vor allem nicht mitten in der Nacht. Es ist höchste Zeit. Bevor das Ding gelaufen ist. Struktur. Ich brauche mehr Struktur. Ich brauche mehr Zeit – zum Schreiben. Morgens. Ich brauche mehr Ruhe. Innere und äußere. So oft liegt was an. Hier arbeiten, da arbeiten. Ich bin unzufrieden. Mit mir. Mir gehen alle Leute auf den Sack, die anderen die Schuld für ihre Unzufriedenheit geben. Klar, ich weiß, du kannst nicht alle über einen Kamm scheren. Trotzdem gehen mir so viele Leute auf den Keks. Weil ich sie kenne. Weil ich weiß, dass sie selbst schuld sind an ihrem Dilemma. Wir müssen bei uns selbst anfangen. Ich stecke fest. In einer Mühle. In einem Hamsterrad. Fresse und fresse und fresse. Rauche und rauche und rauche. Und werde noch fetter, und noch fetter. Prost! „Ich werd nicht schreiben, was ihr lesen wollt, ich mach aus meinen Texten trotzdem Gold.“ Kleiner Satz aus einem meiner Gedichte. Gedichte – will auch keine Sau mehr lesen. Ich hasse Gedichte. Ich hasse Lyrik. Komm ich nicht mit klar. Ich liebe meine Gedichte – und nur meine! Leichte Kost. Schwere Themen. Fanatisch. Radikal. Direkt. Ständig träume ich von Westernhagen und Lindenberg. Könnt ihr mal sehen, wie wichtig mir die beiden heute noch sind. Immer noch. Wisst ihr, wen ich beneide? Stuckiman – wegen seiner Figur und Ausstrahlung. Meinetwegen auch seines Erfolges wegen. Und darum, wie schlau er ist. Und darum, wie fantastisch er schreiben kann. Ich hacke nur drauflos. Ist mir doch scheißegal. Jedenfalls heute Abend um Viertel nach zehn. Unzufrieden. Genervt bis zum Abwinken. Jaja, von mir selbst. Stehe mir selbst im Weg. Anstatt an meinen Kurzgeschichten zu arbeiten. Mich vorzubereiten auf den 21.10. in der Warenannahme. Slam. Hat mich nie weiter interessiert. Heiß. Jetzt bin ich heiß drauf. Aufs Publikum. Auf euch! Das ist das, was ich will – was ich wirklich will. Auf die Bühne. Auf die Lesebühne. Die ganze Scheiße rausbrüllen. Na ja, rauslassen eben. Bevor ich tot bin. Bevor ich eines schönen Tages platze. Vielleicht scheint ja gerade die Sonne. Vielleicht strahlt sie regelrecht auf den grauen Asphalt. Dann trocknet das ganze Fett schön schnell fest. Gibt es Arbeit für den Abkratzdienst. Wenn es regnet – wisch – ab vom Bordstein gekehrt. Der Schneeschieber kommt. Weg mit dem Dreck. Ab in die Rinne. Fällt gar nicht auf in Neukölln. Bis es anfängt zu stinken. Ich mache jetzt Schluss. Hat mir überhaupt keine Freude bereitet, euch zu schreiben. Gehe jetzt schlafen. Gute Nacht.

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