Du bist deine Seele

Für mich beginnt gerade der Abend. Ich sitze auf meiner Terrasse, genieße die Stille, genieße die Zigarette und freue mich meines Lebens. Mir geht es so gut wie schon lange nicht. Der Druck, unbedingt schreiben zu müssen, ist wie von Geisterhand gewichen. Und zum ersten Mal hadere ich nicht deswegen. Und zum ersten Mal bringt es mir richtig Freude Ordnung zu schaffen. In mir und außerhalb von mir. Ich fühle mich innerlich geschmückt. Voller Farben. Ganz bunt. Ohne Fantasie – und doch voller Ideen. Es ist eine Art von Glanz, den ich mit mir herumtrage. Ich habe gelernt, mich weitgehend vom Weltgeschehen abzuschotten und doch nicht den Überblick zu verlieren. Ich habe gelernt, ganz für mich, für meine Freunde und für meine Familie da zu sein.

Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich kaum noch einen Vater. Mein Sohn ist zwölf. Ich hoffe, ich kann ihn noch eine Zeit lang begleiten. Mein sehnsüchtiger Wunsch, meine Skripte in Bücher zu verwandeln, ist mir gelungen. So hat mein Sohn eine schöne Erinnerung. Die letzten 35 Jahre habe ich einen riesigen Teil damit zugebracht am Schreibtisch zu sitzen. Seit einigen Monaten sieht mein Alltag anders aus. Eine andere Kreativität hat mich gepackt. Es ist etwas mit mir geschehen. Wenn ihr regelmäßig meine Beiträge verfolgt habt, wisst ihr, dass jeder schreiblose Tag für mich ein verlorener Tag gewesen ist. Dieses ganze Genervtsein, die miese Laune, die Selbstzweifel, der ständige Druck meine Familie ernähren zu müssen – wie weggefegt. Und wenn ich heute die Sachen von damals lese, frage ich mich, wie ich so dermaßen von mir überzeugt sein konnte. Wie viele Verlage habe ich angeschrieben? Wahrscheinlich liege ich noch unter hundert. Des Öfteren träume ich im Schlaf von Verlagen, die ich besuche. Jedes Mal ist es ein gutes Gefühl. Im realen Leben habe ich eine Leck-mich-am-Arsch-Einstellung entwickeln können. Eine Gleichgültigkeit hört sich schöner an.

Alle sieben Jahre verändert sich der Mensch. Noch nie ist mir das so bewusst gewesen wie jetzt. Ich kriege die Veränderung volle Breitseite mit. Vielleicht kann ich in den nächsten Jahren davon berichten. Der Wind sagt gerade was ganz anderes. Wenn ich Zeichen lesen könnte, würde ich es tun. Deuten kann ich sie in jedem Fall. Da ist sie wieder – die Stille. Diese angenehme Stille. In mir und außerhalb von mir. Der Wind spricht für sich. Die Seele spricht für sich. Hör ihr gut zu. Du bist deine Seele. Der Wind ist Wind. Und du bist du. Und doch bist du mit der Natur verbunden. Gar bist du mit ihr im Einklang. Wie jetzt. Manchmal schießen Gedanken in dich hinein. Manchmal? Häufig. Dauernd. Wenn du Pech hast, durchweg. Dabei liegt die Leichtigkeit in der Gegenwart. Mach dich im Hier und Jetzt leicht. In diesem Augenblick. Er gehört dir ganz allein. Jeder Augenblick gehört dir ganz allein. Nutz ihn. Lass deine Seele sonnen. Du musst nicht den ganzen Tag im Zusammenhang denken. Wer vermag dies schon zu wollen? Jeder Augenblick gestaltet sich neu. Egal, ob du vor der Glotze hängst oder in der Natur verweilst. Gerade hat es begonnen zu regnen. Ich sitze geschützt. Ich fühle mich sicher – und bin es nicht. Weil du dir nie sicher sein kannst. Wozu ich Lust habe? Und was ich bereits seit einigen Jahren tue? Ich bereite mich auf den Tod vor. Licht aus. Licht an. Das Gewissen nimmst du mit.

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