Ein Brief

Ich habe angefangen etwas Neues zu schreiben. Es geht mir ganz gut von der Hand. Und doch ist es nicht ganz unanstrengend. Es ist ein Brief – ein langer Brief. Mir schweben 100 Seiten vor. Es ist ein ganz wahrer, ein ganz authentischer Brief. Ein klarer, ein reiner – ein nicht immer leichter – Brief. Ich schreibe über meine Kindheit und Jugend. Ich schreibe über das Älterwerden. Ich schreibe darüber, wie der Wahnsinn angefangen hat. Ich schreibe über irrwitzige Zufälle. Oder eben nicht über irrwitzige Zufälle. Ich schreibe darüber, wie sich vieles in meinem Leben zusammengefügt hat. Ich kann ja nicht in die Zukunft blicken. Aber vielleicht kann man einiges vorausahnen. Und hoffen sowieso. Dass es immer anders kommt, als man denkt, bräuchte ich eigentlich nicht zu erwähnen. Nachdem ich heute aufgehört habe zu schreiben, bin ich ziemlich melancholisch geworden. Meine früheste Jugend war nicht leicht. Meine Mutter war nicht einfach. Mit meinem Vater ist vieles schiefgelaufen. Ich weiß eines: Das Leben ist ein einziger langer Faden. Es gibt Knoten und Schlaufen. Der Faden kann sogar reißen und wieder zusammengeknotet werden. Er verheddert sich, bleibt irgendwo hängen. Ich glaube, der Faden ist unendlich lang. Ich glaube, die Seele ist unsterblich. Ich glaube, man trifft in jedem Leben immer und immer wieder auf dieselben Seelen. Auch wenn es Psychosen waren, hatte ich viele viele Visionen. Ich weiß noch fast alles, was in jenen Wahnzuständen passiert ist, auch, wie ich gedacht habe. Auch, wenn die Gedanken oft außer Kontrolle geraten sind. Ich habe nie mehr gelitten, nie mehr geliebt, nie mehr gehasst als in den kranken Phasen. Die meisten Psychotiker glauben, sie wären nicht krank. Sie regen sich darüber auf, wenn man sie Psychotiker nennt. Na ja, es ist ja auch nicht sehr nett zu sagen: „Hey, ich habe jemanden kennengelernt. Der ist aber ein Psychotiker!“ Dann ist die Stigmatisierung vorprogrammiert. Sagst du: „Mein neuer Freund ist gerade schizophren“, will kaum jemand etwas mit ihm oder ihr zutun haben. Ich habe wirklich riesengroßes Glück ein so gesundes Umfeld zu haben. Mehr oder weniger gesund. Wer ist psychisch schon ganz gesund? Wie ist es überhaupt, psychisch ganz gesund zu sein? Meine Mutter ist stabil. Inzwischen. Bis auf ihre Ticks natürlich. Zum Beispiel siehst du auf ihrem Fußboden niemals auch nur ein Krümelchen. Es riecht bei ihr wie in einer Zahnarztpraxis. Trotzdem, im Großen und Ganzen ist sie eine ausgeglichene Frau von 78 Jahren. Das heißt aber nicht, dass sie es nicht schafft, mich zu verletzen. Wenn es jemand schafft, dann sie. Und alte Freunde, die inzwischen auf den Zug der AFD aufgesprungen sind. Ich habe schon immer alles viel zu persönlich genommen. Wenn jemand über Ausländer spottet oder über sie herzieht, gehts mir nicht gut. Jedenfalls nicht, wenn er es ernst meint. TB und ich reden unsere eigene Sprache. Wenn uns jemand zuhören würde, ohne uns zu kennen, würden wir verhaftet werden. Aber wir wissen: Alle Menschen sind Brüder und Schwestern. Alle Menschen sind verwandt. Und wir wissen: Du kriegst alles irgendwann zurück. Zurzeit habe ich eine Handvoll sehr guter Freunde. Und einige Kumpels. Soll ich mich komplett von den Menschen abwenden, die die AFD wählen werden? Ich kann mich jedenfalls nicht mit ihnen politisch unterhalten, ohne wütend zu werden. Sollte man unter Freunden die Politik außen vor lassen? Man hat im Leben nur wenige Freunde. Manche kommen und manche gehen. Was ist mit denen, die so unzufrieden sind mit ihrem ganzen Leben? Und doch so witzig, freundlich und charmant sein können? Alte Freunde, die man schon fast vierzig Jahre lang kennt, die einem schon so oft aus der Scheiße geholfen haben. Wie soll man sich verhalten? Ich denke dann oft, lass sie doch fallen wie eine heiße Kartoffel. Doch dann telefoniert man irgendwann wieder und denkt, okay, lass die Politik außen vor. Sieh nur den Menschen. Alles das, was gut an ihm ist. Versuch, dich nicht provozieren zu lassen. Aber hin oder her – von so manchen Aussagen bin ich zutiefst erschüttert. Zum Beispiel, wenn es um Flüchtlinge geht. Oder wenn welche stolz auf Deutschland sind und aufzählen, was die Deutschen alles erfunden und geleistet haben. Wie kann man nur stolz darauf sein? Vor allem, wenn man sein Leben im Grunde selbst nicht auf die Reihe kriegt? Dann baut sich immer wieder furchtbare Wut in mir auf. Die Menschen, die man liebt, verletzten dich am meisten. Das ist nichts Neues. Freunde, die die Nase nach dem Wind richten. Wenn du eine Stunde mit ihnen zusammen bist, reden sie dir nach dem Mund. Sind sie aber eine Stunde mit einem Nazi zusammen, reden sie nach dessen Mund. Darauf baut die AFD: Auf die Dummheit und Labilität der Menschen. Ich hatte einen Freund, der seine Therapie bei einem AFDler gemacht hat. Was glaubt ihr, was passiert ist? Er sagte: „Ich bin nicht rechts, ich bin nicht links, ich bin Realist.“ Ich musste ihn blockieren, weil ich die ganzen Fake News nicht ertragen konnte. Ihr merkt schon – meine Gedanken springen. Mich beschäftigt ziemlich viel momentan. Aber ich fühle mich geordnet und stabil. Morgen schreibe ich an meinem Brief weiter. Jetzt sage ich Gute Nacht, bis bald.

Henning

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