Mein Bruder Jörg

Wie still es hier ist morgens um 5.00 Uhr auf meiner Terasse. Nichts als dass Klackern der Tasten.

Der erste Gruß geht an TB – Fortuna ist Spitzenreiter in der 2. Liga. TB würde jetzt sagen: „Hast du was anderes erwartet!

Es geht mir noch immer gut. Ich schlafe wie ein Toter. Es ist wirklich so: Seitdem ich wieder rauche, hat sich mein mieser Seelenzustand in einen guten verwandelt. So sehr wirkt sich das Nikotin auf das Neuroleptikum aus. Ein Grund, warum so viele Psychoseerkrankte rauchen ist, dass es die Wirkung mindert. Das heißt nicht, dass meine Fantasie wieder ins Endlose fliegt. Doch ist meine Stimmung okay. Meistens lebe ich im Hier und Jetzt. Einen Höhenflug bemerke ich höchstens noch in meinen Träumen. Und genau dort gehört er hin. Heute Nachmittag bin ich zu Ole in seinen Schrebergarten zum Grillen eingeladen. Davor werde ich mit Freude in meinem eigenen Garten rummuckeln.

Worauf ich mich tierisch freue ist, das Mariuskonzert nächstes Jahr im Mai. TB und ich kennen alle alten Lieder auswenig und singen sie zusammen. Denn geiler ist schon. Etwas schade ist es, dass wir uns die vorderen Plätze nicht leisten können, gerne hätte ich in den ersten Reihen gesessen. Ja, gesessen. Wir alle werden älter. Drei Stunden zu stehen strengen an. Hüfte. Knie. Rücken. 116 Kilo. Bier sowieso. Im besten Fall Cocktails. In den letzten fünf Wochen habe ich vier Flaschen Bier, zwei Gläser Wein und zwei Gläser Sekt getrunken. Eine hervorragende Leistung, wie ich finde. Es gibt noch eine Menge, worauf ich mich freue: In den Herbstferien fahre ich für fünf Tage nach Berlin. Im Mai nächsten Jahres besuche ich Paris.

Letzten Mittwoch saß ich im Hauptbahnhof auf einer Bank auf dem Bahnsteig und habe auf die S-Bahn gewartet. Ich hatte eine halbe Stunde Zeit. Ein Rollstuhlfahrer kam auf mich zu, hat nach unten geschaut und streckte seine Hand aus. Von weitem schon glaubte ich, meinen Bruder in der Gestalt zu erkennen. Ihm fehlte das rechte Bein, er roch streng, alles an ihm war kaputt. Ein Junkie. Während ich ihm fünf Euro gab, fragte ich: „Bist du Jörg?“ Nee, aber ich wohne mit einem Jörg zusammen.“ Ich verstand ihn kaum, er nuschelte sehr leise, zudem bretterten Züge an uns vorbei. „Wie heißt er denn weiter?“ – „Taube.“ – „Nee, mit dem wohne ich nicht zusammen. Aber Jörg Taube kannte ich auch. Der ist aber tot. Ja, ich glaube, der ist gestorben. Den habe ich in der JVA … kennengelernt. Ein ruhiger Typ. In Ordnung. Der war immer nett. Ja, ich glaube, der ist gestorben …“ Bis meine Bahn kam, haben wir uns unterhalten, leider habe ich nur die Hälfte von dem verstanden, was er mir erzählte. Er stelle sich vor. Ich auch. „Ich heiße Henning … Taube. Jörg war mein Bruder?“ – „Hättest du jetzt was anderes gesagt, hätte mich das gewundert.“ Zum Abschied streckte er mir die kaputte rechte Hand hin. Er hatte einen festen Händedruck. „Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder …“ Diese Begegnung werde ich nie vergessen. Mein Bruder wäre jetzt 66 Jahre alt.

Ich liebe meine Freunde. So froh kannst du sein, wenn du ein paar Menschen kennst, auf die du dich verlassen kannst. Doch manchmal ist es auch sinnvoll, sich von einigen zu trennen. Spätestens wenn du bemerkst, dass sie dir und deiner Familie nicht guttun. Wir haben nur dieses eine Leben, denken wir also in erster Linie an uns selbst – und an die Menschen, die uns wirklich wichtig sind. Es tut mir leid, wenn du zu den Menschen gehörst, mit denen ich brechen musste. Es gab keinen anderen Weg, den ich gehen wollte.

Mit unter am wichtigsten im Leben ist es, mit einem reinen Gewissen zu sterben. Was natürlich kaum jemandem gelingt. Ich jedenfalls werde auf dem Sterbebett liegen und versuchen zu bereuen. Dies tue ich aber auch jetzt schon oft genug. Damals der Handtaschenraub zum Beispiel. Und überhaupt die gesamten Diebstähle. Die Lügerei. Die Betrügerei … Rückgängig machen kannst du nichts.

Und damit lasse ich es heute Morgen gut sein. Es hat mir riesge Freude bereitet, diese Sätze zu verfassen. Ich wünsche euch allen einen schönen Sonntag und einen gelungenen Wochenstart. Love and Peace,

Henning

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