Her mit dem schönen Leben!

Guten Morgen!

Für den Roman BLOCK brauche ich eine gehörige Portion Aggressivität. Die Wut, die ich benötige, ist in jedem Fall da. Es ist keine Geschichte, in welcher es um blühende Blumen und singende Vögel geht. Eine wesentliche Rolle spielt die uneingeschränkte Brutalität, die leider nicht erfunden ist.

Ich habe es schon mehrfach erwähnt: Nie wieder werde ich jemandem erzählen, worum genau es in meinem neuesten Werk geht. Denn jegliche Kraft geht somit verloren. Am besten man erzählt nicht einmal, dass man überhaupt etwas Neues schreibt. Sofort taucht die Frage auf: „Und worum geht es?“ Das Wichtige ist, dass die ersten Entwürfe und Zusammenhänge auf dem Bogen Papier, oder wie in meinem Fall, auf dem Monitor erscheinen. Ein Buch zu schreiben ist wie eine magische Formel. Und nur der Magier kennt sie und hat sie nicht wie ein Idiot rumzutratschen und rauszuposaunen. Also fragt gar nicht erst. Ihr bringt den Schriftsteller nur in Verlegenheit.

Ich fühle mich gut. Fühle mich wieder klar und ausgeruht. Habe am Roman gearbeitet. Wechselhafte Stimmungen färben meinen Tag. Zum Glück geht es nicht ins Extreme. Weder bin ich niedergeschlagen noch euphorisch. Die Wechsel sind gut auszuhalten. Allerdings nervt immer wieder die zwischenzeitliche Antriebslosigkeit. Gerne wäre ich den ganzen Tag aktiver.

Ich sitze auf meiner Terrasse, die Sonne im Rücken, der Sonnenschirm aufgespannt, eine Zigarette rauchend und einen Kaffee trinkend. Der Tag beginnt gut. Der ganze Tag liegt noch vor uns. Ich genieße es so sehr, mir diesen Tag frei gestalten zu können. Vor allem liebe ich es, morgens zu schreiben. Na klar, auch am Abend liebe ich es. Was ich nicht liebe, ist, wenn mir nichts einfällt. Oftmals muss ich um die richtigen Sätze ringen.

Ich schreibe auch nachmittags gern. So wie jetzt. Immer noch rauchend und Kaffee trinkend. Die Stille auf meiner Terrasse ist wundervoll. Hunderte Bienen summen auf meiner Kleewiese. Mein lieber Nachbar ist Imker und freut sich bestimmt, dass ich nicht, wie alle anderen, die Wiese zu einem Fußballfeld umgestalte. Ich habe einen kleinen Sauerkirschbaum im Garten stehen, der die leckersten Früchte trägt. Die ersten grünen Tomaten sind an den Pflanzen, und auch die ersten Gurken gedeihen prächtig. Ein leichter Wind weht mir über den freien Oberkörper – alle lassen mich in Ruhe schreiben. Wenn ich nicht oben in meinem Zimmer arbeite, bin ich entweder auf der Terrasse oder habe im Haus und Garten zu tun. Heute Abend um 18.00 Uhr fahre ich zur Arbeit. Eigentlich könnte ich rundherum zufrieden sein. Wenn ich in diesem Augenblick in mich hineinlausche, bin ich es auch. Her mit dem schönen Leben! Gib mir mehr davon! Zurzeit sind jegliche Paranoia ausgeschaltet. Es gibt Tage, da ergötze ich mich an ihnen. Ich steigere mich hinein in eine Art wahnhaften Zustand. Gerade lächele ich vor mich hin, drehe mir eine neue Zigarette und freue mich auf den Lungenkick. Was mich noch besonders freut, ist, dass ich angefangen habe zu lesen. Ich kann nicht sagen, ob ich das Buch durchbekomme – doch die ersten Seiten beflügeln mich bereits. Ich fühle mich in diesen freien Minuten wie im Urlaub. Vor allem ist es die innerliche Freiheit, die das Leben so lebenswert macht. Was nützt es dir, wenn du allein auf Wanderschaft gehst und den ganzen Ballast, der dich quält, auf deinen Schultern mitnimmst. So bleibe lieber zu Hause und erledige zuerst das, was dich belastet. Geh los, wenn du wirklich bereit bist. Zieh nicht mit einem schlechten Gewissen los. Es wird dich hinunterziehen statt hinauf. Es bringt nichts zu meditieren, wenn du aus der Meditaion auftauchst und die ganze Scheiße immer noch vor dir liegt. Flüchte dich nicht in den Drogenrausch, um Heilung zu erlangen. Wenn du schon Drogen nehmen musst, nutze sie wenigstens. Sie können Ideen bringen, sie können Türen öffnen. Alkohol natürlich eingeschlossen.

Meine liebe Frau sitzt mir gegenüber und versucht sich an Kreuzworträtseln. Es ist neun Uhr am Abend. Ich habe weitergelesen – Sartre – Der Ekel. Wollte jetzt auf der Terrasse Fußball gucken – mein alter Laptop tut es nicht mehr. Also habe ich auf den Blog umgeschaltet. Ich verstehe auch nicht, warum das ZDF das Spanienspiel überträgt und nicht das Italienspiel – da Spanien, wenn ich mich nicht sehr irre, sowieso schon weiter ist. — Ich streichele mir über den Bart und frage mich – ja, was frage ich mich eigentlich. Gar nichts augenblicklich. Von nebenan schreit das Baby. Meine liebe Frau blättert die Zeitung durch. Das rote Buch von Jean-Paul schmückt den blassen Holztisch. Ich hätte Lust zu lügen. Menschen, die sich zu viele Gedanken machen, lügen am meisten. Menschen, die sich gar keine Gedanken machen, sind zu bequem, um sich Lügen auszudenken. Lügen strengen das Leben an. Ich fühle mich leer. Zu leer, um etwas Sinnvolles in den Rechner zu kloppen. Was ist sinnvoll? Eine Freundin von mir, eine alte Freundin, sagte, sie könne nur einen sinnvollen Job machen, und bloß nichts Sinnfreies. Zum Beispiel bei der Müllabfuhr arbeiten. Ich finde, es gibt kaum einen sinnvolleren Job, als den Müll, den Unrat, den Dreck anderer zu beseitigen. Sie hat sich rasch korrigiert. Jeder Job ist sinnvoll. Jeder Job macht Sinn, sonst würde es ihn nicht geben. — In den letzten zwei Wochen habe ich fünf Kilo abgenommen. Nicht schlecht für den Anfang. Fünfzehn Klio sollen noch dazukommen – also weniger werden. Ihr versteht schon. Manchmal verstehe ich mich selbst nicht. Ich kage viel zu viel. Ich könnte zufrieden sein, weil ich ja gearde einen Schreibfluss habe. Kaum ist es ausgesprochen, muss ich wieder warten – auf neue Worte. Sinnvoll? Lasst mich in Ruhe. Leckt mich am Arsch. Es geht euch nichts an, was ich sinnvoll oder sinnlos finde. Auf jeden Fall finde ich es nicht sinnvoll zu viel zu denken. Die Gedanken sind es, die einen krank machen. Psychisch, und manchmal auch physisch. Krankheiten kann man sich einreden. Stellst du dir Tag und Nacht vor, du wirst an Lungenkrebs sterben, vor allem, wenn du Raucher bist, wirst du an Lungenkrebs sterben. Du arbeitest voll darauf hin. Ach, ist es herrlich, einfach draufloszutippen. Dieses Gefühl der Freiheit hatte ich lange nicht mehr. — Ich atme. Ich brabbel vor mich hin. Meine liebe Frau beschneidetet die Tomaten, und gießt sie. Und was treibst du heute Abend so? Auf jeden Fall hast du völlig andere Gedanken als ich. Du bist ja auch wo ganz anders. Vielleicht in China. In den USA. Sonst wo. — Eine graue Drossel hüpft über den weiß leuchtenden Klee. Sie sucht was zu fressen. Der Boden ist trocken und hart – mit Regenwürmern sieht es schlecht aus. Und an die Sauerkirschen gehen die Drosseln zum Glück nicht ran. Sie bleiben alle für mich. Jeden Tag ernte ich eine ganze Masse ab und verschlinge sie auf Anhieb. Wenn es hoch kommt, trägt mein kleiner Baum jetzt nur noch hundert Kirschen. Jetzt ist die Drossel weggeflogen. — Ich fühle mich gut. Ich fühle mich erholt. Ich liebe das Geräusch der Tasten, wenn ich sie herunterdrücke. Hier blühen so viele Blumen. Hier summen tagsüber soooo viele Bienen. Ein kleines Paradies. Das Paradies ist auf Erden. Die Hölle ist auf Erden. Ich kann mich entscheiden. Ich kann mir mein Leben zur Hölle machen. Ich kann es mir auch zum Paradies machen – jedenfalls so lange ich einigermaßen gesund bin. — Seit zwei Wochen trinke ich nur noch Wasser und Tee. Seit zwei Wochen habe ich keinen Zucker zu mir genommen. Seit zwei Wochen bin ich auf Diät. Vor zwei Wochen noch habe ich 113 Kilo gewogen. Mein Rekord liegt bei 123 Kilo. Nun sind es 107,8. Vielleicht ist 107,8 auch ein Radiosender, wer weiß. Noch immer sitze ich hier mit freiem Oberkörper. Jetzt wäre die richtige Temperatur, um den Rand des Rasens zu mähen. Die Nachbarn würden ausrasten. Innerlich zumindest. Manche bestimmt auch äußerlich. Ich mache jetzt Schluss.

Liebe Grüße

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