Der Tag war gut

Mittwoch, 21 Uhr

Nichts mit Depression. Nichts mit Psychose. Heute war ein guter Tag. Ein „normaler“ Tag. Kein ganz glücklicher Tag, aber auch kein unglücklicher. So in der Mitte. Das reicht mir aber nicht. Ich will kein mittelmäßiges Leben, ich will ein erstklassiges. Geht natürlich nicht immer so wie man es sich wünscht, schon klar. Ich will ja auch nicht hoch euphorisch durch die Gegend irren. Das nicht. Immer in der Mitte? Immer ausgeglichen? Wie langweilig muss ein solches Leben sein. Manch einem reicht es wohl, ich brauche die Hochs. Klar, die Tiefs gehören dazu. Müssen ja nicht ganz so tief sein. Man sollte einen Traum nicht aufgeben. Jedenfalls so lange nicht, wie man das Traumziel noch erreichen könnte. Ich kann auch mit 70 ein vielgelesener Autor werden. Wäre aber sehr, sehr spät. Ich möchte „mitspielen“. Jetzt. Hier. So oft ins Havana oder sonstwo hinfahren, wie ich will. Woran hapert’s? Klar – am Geld. Ja, und an der Zeit. Es bringt ja auch nichts, sich jeden Abend abzuschießen. Dann bezahlst du am nächsten Tag die Rechnung. Ich bin ziemlich gern unter Leuten, ich beobachte sie, höre ihnen zu, lerne von ihnen für’s Leben. In Kneipen kann man besonders viel lernen. Jedenfalls hab ich in Kneipen mehr für’s Leben gelernt, als in vielen Schulfächern. Und in der Psychiatrie habe ich am meisten gelernt. Im Raucherraum. Dort finden die besten und tiefsinnigsten Gespräche statt. Gruppentherapie unter Patienten. Stellt euch vor, in Wahrendorff wurden die Raucherräume auf den offenen Stationen dichtgemacht. Es gibt sie nicht mehr. Ein riesiger Verlust für die Irrenanstalt-Kultur. Auf den Geschlossenen bringen sie es nicht. Da gibt’s zum Glück noch Raucherräume. Zum großen Glück für die Patienten, aber mindestens auch zum genauso großen Glück für die Pfleger und Ärzte. Ohne Zigarette rastet man als Raucher noch mehr aus, wenn man akut psychotisch ist. Die meisten psychisch Kranken rauchen eine nach der anderen. Kaffee und Kippe. Auf der Geschlossenen wird ALLES geraucht. Tee, Kaffee, Watte, Tabakkrümel und Kippen vom Boden. Besser ist es, du nimmst immer nur eine Zigarette mit in den Raum. Wenn du anfängst zu verteilen, wirst du die Schnorrer nicht mehr los. Viele Psychotiker sind arm. Sie können nicht mehr arbeiten und sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie können froh sein, nicht in einem Wohnheim leben zu müssen. Oder für immer in der Klapse. Dauerpatienten gibt’s mehr als genug. Und fast alle rauchen. Viele trinken, manche nehmen Drogen, wenn sie an welche rankommen. Herrgott, was hatte und habe ich für ein riesengroßes Glück!!! Ehrlich. Ich wollte auch einige Male ins Wohnheim, weil ich keinen anderen Ausweg sah. Meine Mutter überredete mich immer wieder, es noch weiterhin in der eigenen Wohnung zu versuchen. Sie hat gehofft, dass ich diesen einen der letzten Schritte nicht gehe. Dafür danke ich ihr sehr. Ich kenne es, ein Jahr lang über 20 Stunden täglich im Bett zu liegen, die Vorhänge zugezogen, das Telefon auf lautlos gestellt, siebenmal und öfter am Tag in die heiße Wanne, um sich zu spüren, total zugepumpt, keine Gedanken mehr zu haben und nur zu hoffen, dass der Tag zu Ende geht. Und dann fängt der neue Tag an, und man MUSS einkaufen gehen – Pizza und Süßigkeiten – und jeden Freitag kommt die Mutter vorbei, bringt Eintopf  und putzt die Wohnung, bezieht das Bett, nimmt die Dreckwäsche mit, und mehr als ein „Danke“ kriegst du nicht zustande. Sie wäscht sogar die Aschenbecher aus. Sie ist selbst krank, aber das ist ihr egal, ihrem Kind muss es so gut wie möglich gehen.

Warum ich das schreibe? Ich weiß nicht, es liegt mir gerade auf der Seele. Wenn ihr nur Seichtes und Schönes lesen wollt, schaut die Bestsellerlisten durch. Ihr werdet fündig, garantiert. Scheiß drauf. Mir geht’s besser als vielen, vielen Menschen   !

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