Eine Karte in mir

Guten Morgen!

Es ist kühler geworden, windiger, bewölkter, gestern war es richtig stürmisch – ich habe kräftige Äste von manchem Baum fliegen sehen. Ich fühle mich auch nicht gerade wie ein lauer Sommerabend. Viel zu viele Gedanken, mit denen ich mich beschäftige, viel zu viele Treffen und Verabredungen, eher Termine, die nicht reinpassen, Verpflichtungen … Druck. Immer Druck. Ich werde nun versuchen, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Familie. Arbeiten. Schreiben. In dieser Reihenfolge. Haha – da hörts nämlich auch schon auf. Und die Arzttermine? Und der Haushalt? Und das Gewissen, allen und allem gerecht zu werden? Und die Medikamentenumstellung?

Aber ich habe einen Plan, der gerade in mir gezeichnet wird. Eine Karte mit einem Weg, den ich gestern schon einmal betreten habe. Klar – ich verlasse ihn aber auch immer wieder, um die anderen Dinge, die mein Leben beschäftigen, erfüllen zu können. Auf dem Weg stehen das Gebäude der Altenpflege und die Fabrik mit meinem Schreibzimmer, ein Wald, ein Bachlauf – das sollte es soweit gewesen sein. Diesen Weg möchte ich jeden Morgen betreten, nachdem ich meinen Sohn zur Schule gebracht habe. Kontinurierlich. Den Weg betreten zur Gewohnheit werden lassen. Den Weg in Fleisch und Blut übergehen lassen. Ein Körperteil draus machen. Innen und außen. Den Job gut machen. Beide Jobs gut machen: Den Seniorenjob, den Schreibjob. Ganz bewusst. Zu je zwei Stunden. Dann den Weg wieder verlassen und den nächsten betreten. Den Familienweg. Die Wege, die ich gehe, die die meisten von uns gehen, sind verpflichtend. Wenn man drauf ist, sollte man es auch ganz und gar sein. Schon so wie in einem Tunnel, natürlich ohne die Übersicht zu verlieren, ein Tunnel mit ein paar Fenstern. Nicht nur starr und geradeaus. Ruhig nach links und rechts schauen, wahrnehmen, z.B. Begegnungen, schöne Bilder, Lieder … Immer wieder in sich gehen, inne halten, weiterarbeiten, in die Sache reinsteigern, das Bild lebending halten. Beim Schreiben das Bild erst einmal lebendig werden lassen, um es dann in ganzer Muße so auszuschmücken, wie es einem beliebt. Zufriedenheit erschaffen. Vielleicht sogar ein kurzes Glücksgefühl erhaschen. Gelassen den Stift fallen lassen, oder den Laptop zuklappen, ein paar Minuten nachwirken lassen, das Lächeln spüren, es mit hinübernehmen. Am Nachmittag noch einmal den „Seniorenweg“ betreten, und wenn es gut läuft, am Abend noch einmal den Schreibjob ausführen. In ganzer Stille, mit gutem Gewissen. In innerlicher Freiheit, sonst wird das nichts. Ohne Hetze. Ohne Druck. Mit Zeit. Von mir aus, mit festgelegter Zeit. Nicht zu spät ins Bett gehen. Um halb sechs klingelt der Wecker.

Vom ersten Wort an, bis jetzt, sind 57 Minuten vergangen. Ihr seht also, dass es Zeit braucht, ein paar Zeilen zu verfassen.

Bis bald,

Henning

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