Es ist halb zehn am Abend. Eine halbe Stunde nehme ich mir für diesen Beitrag Zeit. Noch habe ich keine Ahnung, ob mir die Sätze gelingen. Ob es überhaupt welche gibt. Ich habe keine Idee. Habe keinen Plan. Trinke einen Schluck Beck’s, rauche eine Zigarette und höre die Regentropfen auf das Blechdach meiner Gartenhütte prasseln. Ich fühle mich klar und geordnet, lange war ich nicht mehr angetrunken. Und schon gar nicht, betrunken. Mir geht es gut. Ja, ich glaube, mir geht es gut. Ich weiß, was ich will. Und es gelingt. So schreibe ich zum Beispiel endlich wieder an meinem Roman, der fast vier Jahre auf Eis gelegen hat. Warum er dort lag, behalte ich für mich. Es gibt Dinge, die gehen nur mich etwas an. Wem ich etwas mitteile, vor wem ich mich öffne, kann ich glücklicherweise selbst entscheiden.
Manchmal nervt das Telefon. Manchmal nervt die kürzeste SMS, reißt mich heraus aus meinem Schreibfluss. Soll ich antworten? Soll ich sogar zurückrufen? Mir Zeit nehmen für ein Gespräch, das mich wahrscheinlich nicht weiterbringt? Ich muss lernen, mich frei zu machen. Frei von dem Gedanken, verpflichtet zu sein. Frei von dem Gedanken, jemandem etwas zu schulden. Wenn es für den Anrufer bzw. SMS-Schreiber wichtig ist, sich mitzuteilen, so soll er es mir ruhig schreiben – und den Grund seines Anliegens gleich mitliefern. Für Blabla habe ich heute Abend keine Zeit, eine halbe Stunde geht viel zu schnell vorbei. Und um zehn werde ich meine Abendmedikamente nehmen, um gut einschlafen zu können und ausreichend durchzuschlafen. In den letzten Monaten gab es viele Wochen, in denen ich nicht mehr als zwei bis drei Stunden am Stück geschlafen habe. Ein gefährliches Unterfangen für einen Menschen mit meiner Diagnose. Klingt plump, aber ausreichend Schlaf ist neben den Medis das Wichtigste. Gespräche selbstverständlich beinahe genauso, jedoch hat nicht jeder das Glück, therapeutisch in guten Händen zu sein, oder gar ein soziales Netz zu haben. Derjenige, der allein klarkommen muss, derjenige, der keinen Therapeuten aufsuchen kann und keine Freunde hat, ist angeschissen. Zumindest sollte er gut und ausreichend schlafen.
Ich habe mich entschieden (wahrscheinlich habe ich es schon geschrieben), keine weiteren Gedichte per Video zu verbreiten. Im Gegenteil – bei Facebook und YouTube werden sie nach und nach (und zwar alle) gelöscht. Ehrlich gesagt fühle ich mich seit dem Tag dieser Entscheidung um einiges freier. Und es kam ganz plötzlich wieder Zeit und Raum für BLOCK, den Roman, der in meinem Kopf bereits fertig ist. Auch daraus habe ich gelernt: Nie wieder möchte ich rumerzählen, worum es in meinem neuen Text gehen soll. Durch diese blöde Laberei geht dermaßen viel Magie und Kraft verloren. Ganz beschissen ist es, wenn der Schluss schon vorher feststeht. Er drückt, macht Druck, will geschrieben werden. Viel lieber lasse ich mich treiben. Viel lieber lasse ich mich überraschen. Denn das ist das aller Schönste für mich: Nicht zu wissen, was alles passieren wird. So wie im echten Leben. Keine Ahnung, wie ich mich morgen fühle, wem ich begegne, mit wem ich alles rede, und schon gar nicht weiß ich, was ich alles rede.
22 Uhr 01