Vorbei!

So Leute, der letzte Abend mit meiner Frau hier auf der Terrasse in Chatham. Mit meiner Frau, einem Glas Wein und einer fetten kubanischen Cigar. Den letzten Nachmittag haben wir mit Sonnenuntergang am Strand erlebt. Noch ein paar Robben im Atlantic auftauchen und untertauchen gesehen, ein paar niedrige Wellen, ein leichter Wind, der salzige Geschmack auf den Lippen. — Habe gerade mit meinem guten Freund Jean Coppong in Hamburg telefoniert, bei ihm ist es jetzt 3 Uhr morgens, er wollte gerade mit Stirnlampe joggen gehen. Macht er immer, vor allem samstags, weil er da bis acht Uhr ausschlafen kann. Zuvor hat er vier Flaschen Wein getrunken über den Abend verteilt – Speed für das Herz – 60 Kippen – Koks für die Lunge. Er joggt immer in weißer Unterhose und Muskelshirt, die Reeperbahn hoch und runter, hoch und runter. Kassetten-Walkman über den Ohren, ist ja klar. Ich freue mich schon drauf, ihn zu treffen, dann laufen wir gemeinsam, in Hannover die Ludwigstraße rauf und runter, mit Abstecher am Steintor vorbei. Ich mit Motorradhelm, wegen der Stürze. Deutschland kann ja so lustig sein, wenn man zu feiern weiß. Ich muss mich unbedingt mal wieder selbst richtig feiern, so ne Ein-Mann-Fete, mit allem Drum und Dran. Jean ist extremer Anti-Trinker gewesen bis zu seinem zwölften Lebensjahr. Er hasst Alkohol noch immer, und um das zu vergessen, trinkt er jetzt. Lange war er deswegen in Therapie, bei mir, als ich selbst viel getrunken habe. Wir haben gemeinsam beschlossen, so wie wir auch gemeinsam laufen, dass wir nur noch trinken werden. Von morgens bis abends, nachts joggen wir ja. Wir wollen uns für die nächste Olympiade zum Parasaufenrauchenjoggenwanken anmelden. Wer am meisten verträgt und am schnellsten auf die Fresse fliegt, wieder aufsteht, weiter wankt und wieder auf die Fresse fliegt. Und wer am Ende länger liegenbleibt ohne rauchen zu müssen. Der Hauptgewinn ist natürlich der goldene Gral voller Wodka. Wir konnten uns nicht entscheiden – Wein oder Whiskey, also wurde es Wodka. Der goldene Gral ist ein Swimmingpool auf Malle. Wer länger drin tauchen kann, hat dann endgültig gewonnen. Es gibt immer ein paar Neider, die Streichhölzer werfen, deswegen ist es ratsam, möglichst so lange unten zu bleiben, bis die blaue Flamme auf der Wasseroberfläche erloschen ist. Die Zuschauer stehen am Beckenrand und johlen und jubeln, manchmal wird auch einer reingeschmissen. Das sieht immer so schön aus. Vor allem von unten. Wenn man auftaucht, ist man immer für sechs Tage blind und kann drei Wochen nicht sprechen. Aber ehrlich, DABEISEIN IST ALLES. Jeder kann sich bewerben ab 12 Jahren. Das hat auch wirklich nichts mit Kinderarbeit zu tun, wenn die Eltern für Söhne und Töchter unterschreiben. In manchen Ländern ist das Training sehr hart, da werden die Kinder schon mit drei Jahren auf diesen Sport gedrillt, es geht nur ums Siegen. Ich kenne eine ganze Menge der Eltern, und ich hoffe und bange mit ihnen. Wie ihr merkt, bin ich schon wieder ganz in einem anderen Film, nicht mehr hier in den USA. Hier ist der Zug abgefahrn, jetzt wird wieder überlebt. Montag gehe ich zu meiner Psychiaterin und sage: „Hey, alles klar in den USA gewesen, nichts passiert, Medis waren klasse, jetzt brauche ich wieder mehr. Immer her damit – ja klar – danke.“ Die Zigarre ist jetzt aus, der Wein fast leer, schade, wirklich schade. Das letzte Mal ins Bett in diesem Haus, das letzte Mal aufwachen, dann nach Boston im fetten Van. Ich danke euch, dass ihr bei mir wart, ich hatte ne Menge Leser jeden Tag. Das spricht für Amerika. Ich möchte noch viel mehr sehen vom Land der Freiheit und des Reichtums. Klar, freisein kann man in Indien auch, aber in Indien werden zu freie Frauen oft genug umgelegt. Redet nur kein Mensch drüber. In einigen Ländern werden homosexuelle Menschen gefoltert und zum Tode verurteilt. Redet auch keiner drüber. Hier auch. Ganz bestimmt. Das Land ist riesengroß. In Texas herrschen andere Gesetze als in Kalifornien. Was ist überhaupt Freiheit? Darüber möchte ich heut nicht mehr schreiben. Ich bin auf jeden Fall nicht so frei, um sagen zu können, ich bleibe noch drei Monate hier. Also, was ist Freiheit? Machen zu können, was man will? Dazu muss man erst einmal wissen, was man will. Ich habe nicht einmal die Freiheit, besser gesagt, ich nehme mir die Freiheit nicht, zu schreiben, was und wie ich will. Würde ich das tun, würde man mich verurteilen. Also immer auf dem Teppich bleiben, der Familie wegen, der Freunde wegen, der ganzen verkackten unfreien Welt wegen. Meinungsfreiheit, klar, dazu muss man aber erst mal eine Meinung haben. Heute die, morgen die, na und! Prinzipien, morgen kann man wieder ganz anders denken. Na und! Nichts Lebendiges steht lange still. Jaja, in der Ruhe liegt die Kraft. Oder in der Bewegung? Tja. Hat beides was für sich. Habt ihr schon aufgehört zu lesen? Ich kann es euch nicht verübeln. Macht, was ihr wollt, aber seid am besten frei dabei. Darauf kommt es im Leben an, auf nichts anderes. Jaja, auf Pflichten, ich weiß. Was wollt ihr? Was will ich? Reich werden. Gesund bleiben. Meine Augen tränen, die Müdigkeit, der Rauch, die Kälte. Ich werde nach Hause kommen und die Absagen der Verlage lesen. Enttäuscht sein. Aber nur kurz. Ich werde die Absagen nicht verstehen, denn es gab ja nur dreißig Seiten Leseprobe von Mucho Guscho. Ich werde das Buch selbst veröffentlichen, 100 verkaufen, wenn es gut läuft, Freunden beim Renovieren helfen, Wein trinken, Whiskey schlürfen, den Alltag bewältigen. Es war schön, hier drei Wochen lang geträumt zu haben, vielleicht geht der Traum weiter, vielleicht auch nicht, heute Abend nicht mehr. Ich gehe jetzt schlafen – Gute Nacht   !

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