Schreibsucht

Sätze quälen sich aus mir heraus wie der Eiter aus einem verfaulten Zahn. Nicht alles im Leben ist schön. Nicht alles ist lecker. Vieles stinkt. Guten Morgen!

Es ist fünf Uhr. Viel los hier draußen. Jedenfalls was die Vögel angeht. Die Bienen schlafen noch, der Klee ist noch frei. Ich habe kurz aber gut geschlafen. Bin fit. Bin ausgeruht. Noch. Rasch werde ich einen toten Punkt erreichen, und wenn es die Zeit zulässt, haue ich mich nochmal ins Bett. Doch zuerst ist die Schreibsucht da. Nicht ganz: erst die Zigarette, dann der Kaffee.

Wenn du lügen willst, schreib einen Roman. Wenn du lügen musst, erstrecht. Lass dich vollkommen aus. Gib alles. Angeblich ist in der Kunst alles erlaubt. Angeblich. Natürlich ist es nicht so. Die Erlaubnis wird dir vorgegaukelt. Von unfreien Menschen. Wären sie frei, wüssten sie, was ich meine. Arschlöcher. Doch, doch, ich fühle mich derzeit ziemlich frei. Ich muss kein Blatt vor den Mund nehmen, es reicht ja, dass ich den Balken vor dem Kopf habe. Wie ein Bescheuerter. Habt ihr auch so gut geschlafen wie ich? Die Hühner gackern von drüben. Lecker. Rein in den Ofen. Rein in den Topf das dumme Suppenhuhn, das nur ausgenutzt wird. Schön fett muss es sein. Die Möhren müssen auf dem Fett schwimmen. Ich trinke Kaffee, habe die Kippe gerade ausgedrückt, in dem riesigen Aschenbecher, der erst geleert wird, wenn der ganze Boden mit Stummeln überdeckt ist. Es sei denn, ich kriege Besuch, dann bin ich schneller. Um halb fünf bin ich aufgestanden. Eintausend Tassen Kaffee habe ich schon in mich reingeschüttet. Eintausend Zigaretten haben meine Lunge beflügelt. Heute Morgen. Ohne Scham. Heute geht es ins Freibad mit meinem Sohn. Zuvor ist noch einiges zu erledigen. Danach auch. Der kleine Tod kommt jede Nacht. Und du kommst mich nicht besuchen, kommst zu keiner meiner Lesungen, bleibst auf ewig verschwunden, wie eine geplatzte Seifenblase. Dich liebe ich, mein Sohn. Dich liebe ich, meine Frau.

Noch schnell eine Zigarette. Mir ist schon ganz übel. Egal- rein damit. Dopamin, meine Freundin. Ich gewinne an Kraft. Ich gewinne an Konzentration. Ich gewinne an Kreativität. Ich gewinne an Inspiration. Ich gewinne. Ich gewinne. Die Liebe siegt immer. Immer. Ich gewinne an Glück. Ich gewinne an Freiheit. Ich werde den Roman besiegen, koste es, was es soll. Wäre ja gelacht. Ha! Morgen besuche ich meinen Therapeuten. Ich weiß gar nicht, warum. Es gibt viel zu erzählen. Er wird schimpfen, weil ich mein Stimmungsbuch nicht führe. Scheiß Krähen, die diesen verdammten Krach machen. Krächz, krächz. Übertönen die anderen Vögel. Selbst die Elstern. Eine Million Spatzen. Zwei Meisen. Kohlmeisen. Manchmal Blaumeisen. Wo ist das Känguru? Vielleicht bei den Schweinen. Lüg doch einfach, wenn du schreibst. Fällt dir bestimmt nicht sonderlich schwer. Sei rücksichtlos in deiner Kunst. Scheiß auf alle. Es ist deine Sache, was du fabrizierst. Im Magen ist mir ganz flau. Zu viele Zigaretten. Zu viel Kaffee. Komm – und noch eine Zigarette – zur Beruhigung. Selbst schuld, dass du nicht rauchst. Wirst trotzdem abkratzen. Manchmal früher als später. Rechnest nicht mit – weil du ja nicht rauchst und trinkst. Machst Sport, jeden Tag. Frisst nichts als Bio. Seit Jahren kein Fleisch. Frisst dich selbst auf. Armes Schwein. Warum fällt es mir so verdammt schwer, am Roman weiterzuarbeiten? Könnte hier tippen und tippen. Könnte es krachen lassen. Könnte die ganze Welt krachen lassen, wäre ich größenwahnsinnig genug. Bin klein. Ganz klein. Nee, habe kein Trauma. Habe mein inneres Kind im Griff. Nur bei meiner Mutter werde ich wieder klein. Die Alte, mit ihren bescheuerten, verletzenden, tiefgreifenden Sprüchen. Bäääh – kleines Kind. Es tut weh, es tut höllisch weh. Behalt deinen Schrei in dir. Schnell werde ich wieder zum Kind. Spar dir deine scheiß Sprüche, schluck sie runter. Scheiß sie aus, aber mir nicht entgegen. Sie gehen unter die Haut. Direkt in die Seele. Mitten ins Herz. Es pumpt und pumpt. Könnte ich jetzt kotzen, würde ich dreimal kotzen. Immer auf die Kotze wieder drauf. Leck mich am Arsch. Du sollst deine Eltern ehren. Also Fresse halten. Runterschlucken. Bloß nicht wehren. Aber sonst hast du keine Probleme? Ich weiß, warum es mir so schwerfällt, am Roman zu arbeiten. Weil er ein verdammt schweres Thema beinhaltet. Die Nazis werden mich hassen. Wollen mich töten. Wollen mich verspeisen. Am liebsten lebendig. Faschos. Neonazis. Viel zu lange schon halte ich meine feige Schnauze. Erbärmlich. Schöner Morgen. Wir sehen uns bald.

Fuck!

Nachmittags um kurz vor vier.

Zigarette. Kaffee. Kaffee. Zigarette. 30 Grad. Sonne satt. Zu heiß, um zu arbeiten. Zu heiß für einen Handschlag. Der Nachmittag gehört nicht gerade zu meinen Lieblingarbeitsszeiten.

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