In Liebe, Henningway

Kurzer Text, schnelle Sache, ruckzuck abgehandelt. Gebe mir ne halbe Stunde, bis 23.30 Uhr. Um 5.20 Uhr schrillt der Wecker – na ja, er macht ein anderes Geräusch – was für eins ist auch völlig egal. Wie so viel! Wie so verdammt viel! Was interessiert es mich, ob du in deinem zugeschissenen Schneckenhaus sitzt, in deiner vollgepissten Blase, egozentrierst bis zum Abkotzen, blind bist für das Wesentliche, weil deine Kleingeistigkeit – für mich jedenfalls – nicht mehr zu ertragen ist. Jawoll! Du interessierst mich nicht! Aus dem einfachen Grund, weil die Erde den Abgang macht … Jawoll! Harte Zeiten. Die Zeiten werden härter. Nichts wird mehr leichter. Immer mehr Radikalismus und Fanatismus. Und dann häng ich im Havana ab, oder sonst wo, ist auch scheißegal, und jedes Mal die gleichen Sprüche: Wir können sowieso nichts daran ändern. Der Zug ist abgefahren. Es ist zu spät! — Ich scheiß drauf! Sauf dich zu und heul rum, meinetwegen, über deine kleingeistigen belanglosen Problemchen und dämlichen Sachen – belanglos für die ganze Welt, nur für dich nicht, weil du es in deiner stinkenden Seifenblase brauchst – ja, du brauchst es einfach. Ach, vergiss es doch! Es bringt nichts. Nichts. Gar nichts. Da versuche ich lieber ein Stück Welt besser zu machen, ein kleines Stück, als mich mit dir zu beschäftigen, mich zu ärgern, meine Zeit mit dir zu verschwenden. Ja, vergeudete Zeit kann man sich nicht zurückholen. Weg ist weg! Verschenkt ist verschenkt. Und es bringt ja auch gar nichts, weil du eben die Zusammenhänge nicht raffst. — Natürlich brauche ich Zeit. Ist ja keine Kleinigkeit. Vor allem, wenn man niemanden ausgrenzen will. Wisst ihr was? Es ist scheißegal, ob du Moslem, Christ, Schwuler, ne Transe, behindert, Nazi oder sonst was bist. Wir gehen alle gemeinsam unter! Da führt kein Weg dran vorbei. Alle in einem Boot. Alle im selben Fluss. Auf dieser Erde. Auf dieser totkranken Erde. Selbst schuld! Nicht dass du hier bist, aber dass die Erde stirbt. Bist du tot, kommst du wieder, bist dabei, bist dabei, bist dabei. Scheiß aufs Paradies da oben! Hier unten leben wir im Augenblick. Und unten ist oben, aber das verstehst du nicht, weil du wieder egozentrierst. Haust dich vor die Glotze und lässt dich verarschen – nein, du doch nicht – du lässt dich nur berieseln! Klar. Na klar! Nach der Arbeit, nach der Maloche. Weil du es brauchst! Weil ihr euch nichts mehr zu erzählen habt. Weil ihr abgestumpft seid. Immer nach vorne glotzen, bloß nicht nach rechts und links. Und die Butter ist schon wieder teurer geworden. Und da ist ein Kratzer – Wo denn? – Na, da! – Ich seh ihn gar nicht! – Dann guck mal genau hin! – Tatsächlich! – Sag ich ja! – Scheiße! – Sag ich ja auch! – Der Wagen ist neu! – Ach du Scheiße … Nimm dir nen Strick! Das ist mein ernst. Oder: Das ist mein Ernst! Ja ja, so ist er halt. Aber ich liebe ihn ja auch. Den Ernst. Ich hab ihn ja geheiratet. Den Ernst. Ich wusste es ja … Er ist immer so geblieben … Der Ernst. — Armes Deutschland! Arme Welt! Ja, arme, arme Welt! Arbeitsplätze sind gefährdet in der Autoindustrie! Ich lach mich tot! Ehrlich! Gleich sterbe ich vor Lachen. Bald gibt es keinen Planeten mehr, aber Arbeitsplätze sind gefährdet. Oh Gottogott. Es geht nicht rein in deine Hohlbirne. Und das, obwohl da so unendlich viel Platz ist. Du raffst es nicht. Nee, du verstehst es nicht. Schwarzmaler! Jaja, klar, na klar! Bin ich. Seitdem ich meine Lehre als Maler angefangen habe. Schwarzmaler. Hunderte Wände weiß gestrichen, nur einmal eine schwarz, in Kreuzberg, in meinem Flur – nee, den ganzen Flur – samt Lichtschalter und Klingel. Echt. Dann kommt meine damalige Freundin zu Besuch, und als ich vom Schwarzmalen in Weiß nach Hause komm, ist der Flur wieder weiß. Da wird über ein Leben bestimmt, über einen Flur, der mir gehört, in meiner Wohnung, in der ich allein lebe. Und so ist es. Immer und überall hier in Europa. Und fast überall auf der Welt. Kontrolliert werden. Jaja, da ist er wieder. Nimmt Drogen. Trinkt Bier. Wisst ihr was? Die halbe Stunde ist fast rum. Und ich bin totmüde. Und morgen lese ich noch mal lieber gegen. Aber ich kann für nichts garantieren. Vielleicht bleibt alles beim Alten! Dann adios!

In Liebe

Henningway

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