Drei durchwachsene Tage

Ach, Scheiße. Mir steigt einiges über den Kopf. Kein System, Dinge, die ich machen will, die ich doch nicht auf die Reihe kriege. Bin unsicher. Oft nervös. Vielleicht hat es mit der Reduzierung der Medis zu tun. Denke und denke, und bin dann irgendwann völlig k.o. Weil immer was anliegt, was mir nicht passt. Irgendwelche bescheuerten Pflichten, die zu erfüllen sind. Bin gerad am Überlegen, ob ich das Ziprasidon wieder auf 40 mg am Abend hochsetze. Vielleicht auch nicht. Vielleicht reicht es ja aus, wenn ich jeden Tag eine Stunde was für meinen Körper tue. Ich nehm es mir jeden Tag für den nächsten Tag ganz fest vor. Ich nehm mir noch zig andere Sachen vor. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht total verheddere. Ich bin so müde gerade. Kann nichts richtig genießen. Könnte mich ins Bett verkriechen. Die Zustände schwanken. Wäre derzeit nirgends zufrieden und ausgeglichen. Du sehnst dich nach Dingen, die nicht da sind. Wünscht du dir, allein zu sein, wünscht du dir wieder Gesellshaft, wenn du allein bist. Wenn du nicht klarkommst mit deinem Leben, solltest du versuchen, daran etwas zu ändern. Morgen habe ich einen Termin bei meinem Psychiater. Vielleicht geht es mir morgenfrüh so gut, dass ich behaupte, mir gehe es wirklich richtig gut, sogar fantastisch, was für den Moment nicht einmal gelogen wäre. Und zwei Stunden später häng ich wieder durch. Ich bin verpeilt, vergesse Termine, vergesse, was ich mir vorgenommen habe, vergesse, was ich zugesagt und versprochen habe. Kann mich kaum aufraffen. Bin instabil. Alles wird zuviel. Alles ist immer zuviel. Viel ist schon zuviel. Jaja – weniger ist mehr. Erschöpfung. Zwänge. Der Zwang, zu rauchen. Der Zwang, zu schreiben. Mitteilungsbedürfnis. Die Mitteilung an euch. In einer halben Stunde muss ich zur Arbeit. Bis 21 Uhr sind Nachmittag und Abend verplant. Das schlechte Gewissen, bis jetzt nichts auf die Reihe gekriegt zu haben – es lähmt. Erwartungen. In Selbstmitleid versinken. Unbedingt die Zeit nutzen wollen. Rauchen und rauchen und rauchen. Egal – noch eine. Egal ist gar nichts. Leicht dahergesagt.

Komme gerade von der Arbeit, hab doch noch eine halbe Stunde Zeit, bevor der nächste Termin ansteht. Zeit für ein paar Zeilen. Es regnet. Hab den Sonnenschirm aufgespannt, hoffentlich schüttet es nicht richtig los, dann muss ich abbrechen. Nutze den Augenblick. Tu ich. Das Arbeiten mit den Senioren tat mir gut. Sie sind ja so dankbar, und doch dabei so verwirrt, hilflos, wir sind jeden Tag Fremde für sie. In den letzten acht Wochen haben sie extrem abgebaut, geistig und körperlich. An alte Lieder können sie sich erinnern, sie singen jede Zeile mit. Die Angehörigen geben zum Teil ihr eigenes Leben sogut wie auf, sie opfern sich. Sie handeln selbstlos, voller Herz, voller Liebe.

Habe den Platz gewechselt – es gallert Bindfäden. Der Himmel ist durchweg grau in grau. Die Tropfen knallen auf die Kunststofffenter des Carports – es ist zu laut, um zu denken.

Ein Tag später

Um 9.40 Uhr hatte ich den Termin bei meinem Psychiater, davor habe ich gearbeitet. Bis 10.40 Uhr habe ich es, mit Maske, im stickigen Wartezimmer ausgehalten – dann bin ich mit übelster Laune gefahren. Ohne ihn gesprochen zu haben. Die Zeit ist knapp. Immer. Ich bin froh um jede Minute, die nicht irgendwelchen Terminen angehört.

Zwei Tage später

Heutmorgen gehts mir wieder besser – ich habe frei und möchte den Vormittag genießen. Der Himmel ist grau, weiß und hellblau, die Vögel zwitschern, ich sitz unterm Carport bei einer Tasse Kaffee und einer domenikanischen Zigarre. — Ich fühle mich relativ entspannt, stehe nicht unter Zeitdruck, habe mir absichtlich nichts vorgenommen. Außer: Eine Rechnung schreiben, ein Video aufnehmen … und den Rest – man wird sehen. Ich tendiere immer dazu, mir Sachen vornehmen zu müssen, anstatt zu schauen, in mich hineinzuhören, was ist gerade wichtig, oder noch besser, habe ich die Zeit, etwas zu tun, das mir gut tut. Ein bisschen Druck tut ja oft gut, und manchmal braucht man auch etwas Druck, um auf Ziele hinzuarbeiten, aber sich Druck zu machen, wo es überhaupt nicht nötig ist, kann dich erkranken. Ich hab gestern intensiv darüber nachgedacht, den Blog wieder Blog sein zu lassen und lange nichts zu berichten. Nun aber möchte ich versuchen, dosiert und gesund hiermit umzugehen. Ich müsste mich richtig dagegen wehren, im Augenblick nichts zu schreiben – und das wäre ja dann wohl auch nicht richtig – es würde Unzufriedenheit erzeugen. Ich werde jetzt auch nicht gleich wieder die Medis erhöhen, nur weil ich ein paar beschissene Tage hatte – ich werde mich stattdessen genauer unter die Lupe nehmen und mich mehr schonen. Ruhephasen mir gönnen, auf dem Sofa liegen und Podcasts hören. Bei psychisch erkrankten Menschen ist alles extremer, sie sind nicht locker, nehmen sich und ihre Umwelt zu ernst, denken zu viel. Gerade jetzt spüre ich ein klein wenig Glück in meinem Körper – ich lächele vor mich hin, freue mich über die Ruhe um mich herum und in mir, freue mich auf heut Abend, auf Andreas, mit dem ich Mucke machen werde. Im Juli oder August wollen wir bei Majo in Berlin ein paar Songs aufnehmen, und dafür sollte es mir schon sehr gut gehen.

Da ich im Augenblick so entspannt bin, mache ich jetzt Schluss und genieße weiter …

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