Da muss man durch !

Guten Morgen! Donnerstag, 11 Uhr.

Die letzten Monate waren ziemlich ereignisreich. Seit Weihnachten lief der Motor im Kopf auf Hochtouren. Jetzt muss ich einen Gang zurückschalten, besser gesagt, dies hat das Getriebe von ganz allein getan. Mein damaliger Psychiater sagte einmal zu mir, mein Gehirn arbeite wie ein Bugattimotor, doch so ein Motor sei sehr empfindlich und müsse ständig gepflegt werden. Wenn man psychotische Schübe hat, merkt man das selbst manchmal gar nicht. Die Gedanken scheinen in Ordnung zu sein, normal nicht, aber schon real. So glaubte ich wieder einmal, dass ich es schaffen könnte, die Welt von den ganzen Kriegen zu befreien. Ich habe an dem Plan, den ich nun schon seit fast 30 Jahren verfolge, weitergearbeitet. Ich konnte nicht nachvollziehen, dass es wirklich eine Größenidee sein soll. Ich konnte nicht glauben, dass es nur mein Glaube als einziger ist, der den Weltfrieden bringen kann. In meinen Gedichten mag ja wirklich viel Wahrheit stecken, aber zu bekehren ist damit wohl niemand. Die Gedichte kennt nicht einmal ein einziger Mensch außer ich. Im Affekt habe ich sie schon so manchem prominenten Künstler zugeschickt, aber für die, na klar, bin ich ein Spinner, vielleicht einer unter Hunderten, von dem sie ähnliche Schriftstücke bekommen. Die Gedichte landen also höchstwahrscheinlich auf dem Haufen: Spinner. Und dann im Abfall.  – So sehe ich jetzt wieder einmal ein, dass es nicht meine Aufgabe ist – ich gebe auf. Erst einmal. Keine Ahnung, was irgendwann mal wieder los ist in meinem Kopf. Vorerst wünsche ich mir ein ruhiges, strukturiertes Leben, hier in meinem Nest zu Hause, auf meiner Terrasse, bei einer guten Zigarre und einem Gläschen. Ich hoffe, es funktioniert ohne Medikamentenerhöhung. Ihr wisst, die Nebenwirkungen von Psychopharmaka können einen total lähmen. In den Gedanken und auch körperlich.

Ich kann mich nur schwer aufraffen, etwas zu tun, nachmittags (was ganz typisch in der Depression ist), wird’s etwas besser, am Abend ist es dann okay. In diesem Augenblick nutze ich den positiven Schub, um euch diese Sätze zu schreiben. In zehn Minuten liege ich vielleicht schon wieder auf dem Sofa und bin total antriebslos. Diese Schwankungen erwischen mich einige Male am Tag. Würde ich jetzt kein Neuroleptikum nehmen, keinen Stimmungsstabilisator und kein Antidepressivum, würde es rapide berauf und bergab gehen, mit wahnsinnigen Gedanken, die nichts mit eurer Realität zu tun haben. Nur mit meiner. Wenn ich zum Beispiel im Wahn denke, jeder Mensch in Deutschland müsste über Ostern eine BILD-Zeitung mit nur meinen Gedichten im Briefkasten haben, damit alle endlich aufwachen, dann ist das für mich Wahrheit. Ich tue dann alles dafür, damit diese Idee in die Tat umgesetzt wird. Und es passiert im Wahnsinn ganz, ganz viel im Affekt. Briefe, die rausgeschickt werden, materielle Dinge, die einen geradezu anstrahlen, werden gekauft, Blogbeiträge werden verfasst, die Freunde verletzen und wütend machen. Man steht ständig unter Strom, baut sich unnötig Druck auf, ist selber schnell in Rage oder verletzt, setzt seinen Job aufs Spiel. Bricht wirklich eine Psychose aus, ist alles vorbei. Nichts ist vorhersehbar. Nur eins: Psychiatrie und Medis ohne Ende. Im Anschluss muss man alles wieder neu erlernen. Sich zu beschäftigen, den Tag zu ordnen, selbst das Einkaufen und die kleinsten normalen Tätigkeiten werden zur Herausforderung. Ein normales Familienleben ist dann nicht mehr möglich. Nach einer heftigen Psychose kann es gut und gern ein Jahr dauern, bis man wieder auf dem Damm ist. Soweit will ich es nie wieder kommen lassen, denn da hängt ein riesiger Rattenschwanz dran. Ich will jetzt nicht alles aufzählen, was passieren könnte, ihr seid ja schlau und könnt es euch selbst ausmalen.

Ich hatte bis jetzt großes Glück, so viele gute Freunde und eine so stabile Familie an meiner Seite zu haben, die mir Halt geben. Eine echte Freundschaft muss was aushalten können, gerade, wenn man es mit psychisch kranken Menschen zu tun hat. Hält sie nichts aus, ist es keine Freundschaft. Man kann drauf verzichten. Ich selbst halte es auch nicht mit jedem aus, das ist im Leben halt so. Da muss man gar nicht nachtragend sein, weder von der einen noch von der anderen Seite. Freundschaft ist Freundschaft. Krank ist krank. Entweder man möchte noch oder eben nicht. Fertig. Ich jedenfalls hab kein Bock mehr auf Pflichttreffen, und ich wünsche mir von jedem meiner Bekannten, dass er sich auch nicht aus Pflichtgefühl mit mir trifft. Was für eine Zeitverschwendung. Was für ein unnützer Energieaufwand! Was wirklich schade ist, ist, dass es Bekannte gibt, die dich bei anderen Bekannten schlechtmachen, über dich herziehen, so dass die sich auch von dir abwenden. Aber natürlich muss man auch da durch. Es ist ratsam, sich so viele Perspektiven anzuhören wie nötig. Nicht gleich aufspringen auf den Zug, nicht die gleiche Bahn schwimmen wie ein einzelner. Dies gilt für alle, die diesen Blogbeitrag lesen. Freunde sind es, die einen am schwersten verletzen können. Natürlich. Freunde und die Familie.

Ich wünsche euch allen ein schönes und stabiles Wochenende   !

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